An den Herrn N**

Gotthold Ephraim Lessing

1771

Freund, noch sind ich und du dem Glücke Ein leichter Schleiderball. Und doch belebt auf seine Tücke Kein beißend Lied den Widerhall?

Der Tor gedeiht, der Spötter steiget, Dem Bösen fehlt kein Heil. Verdienst steht nach, und fühlt gebeuget Ein lohnend Amt dem Golde feil.

Auf, Freund! die Geißel zu erfassen, Die dort vermodern will. Seit Juvenal sie fallen lassen, Liegt sie, Triumph ihr Laster! still.

Geduld! Schon rauscht sie durch die Lüfte, Blutgierig rauscht sie her! Verbergt, verbergt die bloße Hüfte! Ein jeder Schmiß ein gift′ger Schwär!

Erst räche dich, dich Freund der Musen. Du rächest sie in dir! Doch dann auch mich, in dessen Busen Ein Geist sich regt, zu gut für hier.

Vielleicht, daß einst in andern Welten Wir minder elend sind. Die Tugend wird doch irgends gelten. Das Gute kömmt nicht gern geschwind.

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Illustration zu An den Herrn N**

Interpretation

Das Gedicht "An den Herrn N**" von Gotthold Ephraim Lessing ist ein Aufruf zur moralischen Verantwortung und zur Verteidigung der Tugend. Der Sprecher und sein Freund sind noch im Glück, doch die Welt ist voller Ungerechtigkeit und moralischen Verfalls. Der Sprecher fragt, warum kein beißendes Lied den Widerhall belebt, um gegen diese Missstände anzukämpfen. Das Gedicht beschreibt eine Welt, in der der Narr gedeiht, der Spötter aufsteigt und dem Bösen nichts fehlt. Verdienst wird nicht belohnt, und selbst ein lohnendes Amt verkauft sich für Gold. Der Sprecher ruft seinen Freund auf, die Geißel zu ergreifen und gegen das Böse anzukämpfen. Er erinnert daran, dass seit Juvenal die Geißel vermodern ist, aber nun durch die Lüfte rauscht, bereit, Blut zu vergießen. Der Sprecher fordert seinen Freund auf, sich zu rächen, zuerst sich selbst und dann auch den Sprecher, der einen Geist in sich trägt, der für diese Welt zu gut ist. Vielleicht werden sie in anderen Welten weniger elend sein, wo Tugend und Gutes mehr zählen. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass die Tugend irgendwann gelten wird und das Gute nicht so schnell kommt.

Schlüsselwörter

freund kein rauscht verbergt glücke leichter schleiderball belebt

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Stilmittel

Alliteration
Verdienst steht nach, und fühlt gebeuget
Hyperbel
Die Geißel zu erfassen
Metapher
Das Gute kömmt nicht gern geschwind
Personifikation
Geduld! Schon rauscht sie durch die Lüfte