An den Grafen Platen (2)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Noch gedenk′ ich jenes Morgens, Da wir uns zum erstenmale So von ohngefähr gefunden, Auf dem Esquilin! Des Klosters Stillem Garten sahn wir mächtig Sich der Palme Wuchs entheben, Und in ihrer Herrlichkeit Roms Ruinen sich entfalten.

Oftmals wanderten wir einsam Der Metella Riesengrabe, Oft der Grotte der Egeria, Oft des Pincio süßen Höhen, Oder wohl des Tibers Brücken Und des Forums Tempeltrümmern, Und dem Colosseum zu, Wo der Genius uns geführet.

Und wie um der Römertempel Altergraue düstre Reste Lustig Laub und heitre Blumen Gern in flücht′ger Blüthe wuchern, Wand durch ernstere Gespräche Still bedächtliche Betrachtung Sich ein kecker muth′ger Scherz In verweg′ner üpp′ger Fülle.

Wahr ist es, auf meinem Boden Wuchs des Unkrauts viel, zerstörend Traf ihn Sonnenbrand und Stürme; Zwar die vollsten Rosenkränze, Doch der Dornen allzuviele Drückte mir auf′s Haupt der Amor, Dem ich in Genuß und Lust Als ein irrend Weltkind glühte.

Aber du im Heiligthume, Nie entweiht, hast ihm als Priester Seine geist′ge Flamm′ erhalten. Ich verstand dich wohl, und gerne Hast auch du mich stets geduldet, Und so wehte mir die Schalkheit Auch ins Herz den Blüthenduft Deiner Muse, deiner Scherze.

Aber laß nun, mich zu schelten! Ist die Sündfluth, die so schnelle Meine kleine Welt zerstöret, Endlich doch zurückgewichen, Und die grünen lichten Höhen Glänzen schon im Sonnenscheine, Und der Friedensbogen ruht Lächelnd im entwölkten Himmel.

Eine Taube ließ ich fliegen - Deute sie - und einen Oelzweig Brachte sie zurück! ich habe Doch mein Bestes mir gerettet. Freund, mein Herz! In frischer Weihe Hat es der versöhnten Gottheit, Hat′s der Muse, die dich krönt, Ew′ge Treue schon geschworen.

Und so könnt′ ich wohl es wagen, Dir die Freundeshand zu bieten; Wär′ ich noch ein Schwärmer, rief′ ich Alle Tempel Roms zu Zeugen, Doch wozu? Du liebst zu schweigen, Liebst die Einsamkeit, und freilich Dir verdenk′ ich′s nicht, du hast Alle Grazien zu Gespielen.

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Illustration zu An den Grafen Platen (2)

Interpretation

Das Gedicht "An den Grafen Platen (2)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger erinnert an eine tiefe Freundschaft, die in Rom zwischen dem lyrischen Ich und dem Grafen Platen entstand. Die gemeinsamen Spaziergänge zu historischen Stätten wie dem Esquilin, dem Grab der Metella, der Grotte der Egeria und dem Kolosseum werden als Momente der geistigen und emotionalen Verbundenheit beschrieben. Die Natur und die Ruinen Roms dienen als Symbol für die Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart, Ernsthaftigkeit und Heiterkeit. Das lyrische Ich gesteht seine eigenen Fehler und Schwächen ein, vergleicht sich selbst mit einem "irrenden Weltkind", das von Amor mit Dornen und Rosen belastet wurde. Im Gegensatz dazu wird der Graf Platen als geistig rein und unberührt dargestellt, der die "geistige Flamme" bewahrt und das lyrische Ich mit seiner Muse und seinen Scherzen inspiriert hat. Trotz der Unterschiede zwischen den beiden Freunden herrscht gegenseitige Toleranz und Verständnis. Am Ende des Gedichts deutet sich eine Versöhnung und Erneuerung an. Das lyrische Ich sendet eine Taube mit einem Ölzweig, ein Symbol für Frieden und Rettung, und schwört der Muse und der versöhnten Gottheit ewige Treue. Die Freundeshand wird dem Grafen Platen angeboten, wobei das lyrische Ich dessen Liebe zur Einsamkeit und zum Schweigen respektiert. Die Grazien, die den Grafen Platen begleiten, symbolisieren seine künstlerische und geistige Vollkommenheit.

Schlüsselwörter

ger hast wuchs roms oft höhen herz muse

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung von 's'-Lauten in 'still bedächtliche Betrachtung' und 'kecker muthvollen Scherz'.
Anspielung
Der Verweis auf die biblische Geschichte von Noah und der Taube mit dem Ölzweig.
Bildsprache
Beschreibungen wie 'Palme Wuchs', 'Roms Ruinen' und 'Colosseum' schaffen lebendige Bilder.
Hyperbel
Die Beschreibung der 'Sündflut', die die Welt zerstört, ist übertrieben.
Ironie
Der Sprecher bittet um Erlaubnis, 'zu schelten', was eine ironische Selbsterniedrigung sein könnte.
Kontrast
Der Kontrast zwischen 'ernsteren Gesprächen' und 'kecken muthvollen Scherzen'.
Metapher
Das Herz schwört 'ewige Treue' der Muse, als wäre es ein lebendiges Wesen, das einen Eid leisten kann.
Personifikation
Der Genius führt sie zum Colosseum, als wäre er eine lebendige Entität.
Symbolik
Die 'grünen lichten Höhen' symbolisieren Hoffnung und Erneuerung nach einer Krise.
Vergleich
Der Vergleich der Gespräche mit Laub und Blumen, die auf den Ruinen wachsen.