An den Grafen Platen (1)
1804Laß mich, Freund, in meiner Weise Dir ein artig Liedchen singen! Zürne nicht, wenn meine Muse Nicht als ernste hohe Gottheit, Nur als Schmetterling der Dichtkunst Blumenhöhen heut umflattert, Wenn sie von Anakreons Bienenhonig gerne nippte.
Sind wir doch im ew′gen Frühling, Wo im warmen Hauch des Südens Uns die Frucht der Hesperiden, Frohe Lebenslust, erblühet! Drum so frisch und leicht und munter, Wie Albanos Morgenlüfte, Soll, o Sänger, dir mein Lied Um der Schläfe Lorbeer wehen.
Laß den Ernst für heute schwinden, In Italiens ew′ger Jugend Wollten wir allein veralten? Alles müssen wir erlernen, Nun, so lernen wir uns freuen! Nimm den Lorbeer ab, er runzelt Nur die Stirn! ein Myrthenkranz Und die Rose steht ihm besser!
Dich erquickt es ja zu wandeln Durch die immergrünen Haine Und du rufst ja, wenn sie glänzend Von der Sonne Purpur träufeln, Das ist Süden, das ist Schönheit! Unter Blüthen, unter Blumen Ließen wir den Freudenkranz Uns allein vom Herbst entblättern?
Ferne sei′s! Wie dieser Schöne Lautrer Lebensstrom die Wunden Meines Herzens heilen konnte, Wie ich reiner und gesünder Solchem Wunderbad entstiegen, So erheiterten, erfrischten Dich allein die Fluthen nicht, Die den schönsten Himmel spiegeln?
Dich gewiß! In deines Herzens Still verschlossnem Heiligthume Hielt das schönste Paar des Himmels Psyche mit dem Schalken Amor Ihre lieblichste Vermählung, Und du kennst der Psyche Freuden Nur daß ein Elysium Ihrem sanften Fluge fehlte.
Doch du hast es nun, du lerntest Dein Parthenope genießen, Und du singst, ein andrer Orpheus, An elysisch holden Ufern Fels und Wellen deine Lieder, Und die Schattenbilder lockst du Aus dem finstern Orkus selbst Unsrer Heimath dir herüber.
Munter drum, laß uns genießen, Und vergiß nicht, jener schöne Jugendliche Gott der Dichtkunst Ist derselbe, der die Traube Mit dem heißen Blut begeistert, Willst du seine Huld behalten, Mein geheimnisvoller Freund, Bring′ ihm seine Freudenopfer.
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Interpretation
Das Gedicht "An den Grafen Platen (1)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine freundschaftliche Einladung an den Grafen Platen, das Leben und die Dichtkunst in einer leichteren, fröhlicheren Art zu genießen. Waiblinger bittet Platen, nicht zu streng mit ihm zu sein, wenn seine Muse eher als ein spielerischer Schmetterling denn als eine ernste Gottheit auftritt. Er betont, dass sie sich in einem ewigen Frühling befinden, wo die Lebensfreude erblüht, und ermutigt Platen, sich dieser Leichtigkeit hinzugeben. Waiblinger plädiert dafür, den Ernst beiseitezulegen und sich von der ewigen Jugend Italiens inspirieren zu lassen. Er schlägt vor, dass sie lernen, sich zu freuen, und plädiert für einen Wechsel von Lorbeer zu Myrte und Rose, Symbolen für eine unbeschwertere, freudvollere Existenz. Er beschreibt, wie das südliche Klima und die Schönheit Italiens erfrischen und beleben, und fragt, warum sie den Freudenkranz nur dem Herbst überlassen sollten. Im letzten Teil des Gedichts erinnert Waiblinger Platen daran, dass der Gott der Dichtkunst derselbe ist, der die Traube mit inspirierendem Blut erfüllt. Er fordert Platen auf, diesem Gott seine Freudenopfer zu bringen, um seine Gunst zu behalten. Waiblinger schließt mit der Aufforderung, munter zu sein und das Leben zu genießen, und erinnert daran, dass die Dichtkunst und die Lebensfreude untrennbar miteinander verbunden sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Willst du seine Huld behalten, Mein geheimnisvoller Freund, Bring' ihm seine Freudenopfer
- Personifikation
- Wenn sie von Anakreons Bienenhonig gerne nippte
- Vergleich
- Wie Albanos Morgenlüfte, Soll, o Sänger, dir mein Lied Um der Schläfe Lorbeer wehen