An den Genius
1897Sei du mir treu, bis ich von hinnen muß, Der durch die Welt du mich bisher geleitet! Wie für die Wonnen, die du mir bereitet, Soll ich dir danken, hoher Genius? Arm wär′ ich ohne das, was du gegeben, Und, flöhest du, was gölte mir dies Leben?
Als Knabe schon, wenn ich von den Genossen, Den lärmenden, zur Einsamkeit entfloh, In meiner Seele, allen sonst verschlossen, Empfand ich deinen Odem stolz und froh, Und leicht ward in der Jugend goldner Frühe Durch dich mir jede Pein und jede Mühe.
Tief der Natur ins heil′ge Auge schauen, Ihr in des Herzens Allgeheimstes spähn Mich lehrtest du, und im Gewittergrauen Des Donners ernste Rede zu verstehn, Und in der Bergschlucht, wo die Wasser rauschen, Der großen Mutter Worte zu belauschen.
Mit Wesen, die sich selber mein Gedanke Erschuf, den luft′gen Kindern meines Traums, War mein ein hohes Leben sonder Schranke In einer Welt jenseits des Raums, Und fort und fort mich nährtest du mit hehren Traumbildern und der alten Weisheit Lehren.
Die durst′gen Lippen labte mir der Quell, Der nie versiegende, von Kunst und Dichtung, Und an den Geistern, welche aus Vernichtung Und Trümmern ihrer Welt zu uns noch hell Herüberstrahlen durch der Zeiten Nacht, Hab′ ich des eignen Geistes Licht entfacht.
Mit Indiens Weisen in den Siedelein, Wo Ganga rauscht an Wasserlilienbeeten, Mit Zoroaster bei des Feuers Schein, Des heiligen, zu dem die Parsen beten, Wie mit Arabiens kühnen Wüstensöhnen Sprach ich vertraut in ihrer Sprache Tönen.
Und gleich dem Geist, nicht haftend an der Scholle, Schritt pilgernd auch mein Fuß von Land zu Land; Die Erde breitete wie eine Rolle Ihr Schönstes vor mir aus; bald hoch vom Rand Des Schiffs, bald von der Alpen steilstem Pik In ihren Wundern schwelgte mir der Blick.
Für alles, was erhaben ist und groß, Ließ mir Italien die Seele flammen, An ihrer Brust erzogen, hehre Ammen, Sie die Sibyllen Michel Angelos, Und in des Tabor himmlischem Gesicht Trug Raffael sie auf zum ew′gen Licht.
Ich sah beim Grab Achills am Meeressaum Die Welt Homers sich aus der Flut erheben, Und träumte mit dem hundertthor′gen Theben, An eine Sphinx gelehnt, den Urwelttraum, Bis übern Nil daher geheimnisvoll Der Morgengruß von Memnons Lippen quoll.
Durchs Leben zog ich so, der Wolke gleich, Die sonnengolddurchglüht am Himmel gleitet; Selbst wenn sich Leidensnacht um mich gebreitet, Fühlt′ ich mich stark durch dich und froh und reich; Du hast, erhabner Geist, ein Licht von oben In meine trübsten Stunden selbst gewoben.
Und sei′s! Führst du dereinst, o Genius, Die letzte mir herauf der Erdensonnen, Zum großen Gange gieb durch deinen Kuß Die Weihe mir! Unsterblich sind die Wonnen, Ich fühl′ es, die mir deine Huld verlieh; Ins Jenseits auch hinüber nehm′ ich sie.
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Interpretation
Das Gedicht "An den Genius" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist eine Hommage an den Genius, eine göttliche oder übernatürliche Kraft, die den Dichter durch sein Leben geleitet und inspiriert hat. Der Dichter drückt seine tiefe Dankbarkeit für die Wonnen und Erkenntnisse aus, die ihm der Genius geschenkt hat. Er erinnert sich an seine Kindheit, als er sich in die Einsamkeit zurückzog und die Gegenwart des Genies in seiner Seele spürte. Der Genius lehrte ihn, die Natur tief zu verstehen und ihre Geheimnisse zu erkennen. Der Dichter beschreibt, wie der Genius ihm half, eine reiche innere Welt zu erschaffen, gefüllt mit Wesen und Traumbildern, die ihn mit hehren Lehren nährten. Er spricht von der Inspiration durch Kunst und Dichtung, die ihm wie ein nie versiegender Quell erschien, und von den Geistern der Vergangenheit, die sein eigenes geistiges Licht entfachten. Der Dichter erinnert sich an Begegnungen mit Weisen aus Indien, Zoroaster und den Wüstensöhnen Arabiens, und an seine Reisen durch die Welt, bei denen er die Schönheit der Erde und die Größe der Kulturen erlebte. Italien, mit seinen kulturellen Schätzen und der Kunst von Michelangelo und Raffael, spielte eine besondere Rolle in der geistigen Entwicklung des Dichters. Er erinnert sich an die Visionen Homers und des alten Ägypten, die ihn tief berührten. Trotz der Leidensnächte, die er durchlebte, fühlte er sich durch die Gegenwart des Genies stark und reich. Das Gedicht schließt mit der Hoffnung, dass der Genius ihn auch am Ende seines Lebens begleiten und ihm die Unsterblichkeit der Wonnen, die er ihm geschenkt hat, ins Jenseits mitgeben wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Für alles, was erhaben ist und groß, Ließ mir Italien die Seele flammen, An ihrer Brust erzogen, hehre Ammen, Sie die Sibyllen Michel Angelos, Und in des Tabor himmlischem Gesicht Trug Raffael sie auf zum ew′gen Licht.
- Anapher
- Sei du mir treu, bis ich von hinnen muß, Der durch die Welt du mich bisher geleitet! Wie für die Wonnen, die du mir bereitet, Soll ich dir danken, hoher Genius?
- Anspielung
- Ich sah beim Grab Achills am Meeressaum Die Welt Homers sich aus der Flut erheben, Und träumte mit dem hundertthor′gen Theben, An eine Sphinx gelehnt, den Urwelttraum, Bis übern Nil daher geheimnisvoll Der Morgengruß von Memnons Lippen quoll.
- Chiasmus
- Fühl′ ich mich stark durch dich und froh und reich;
- Hyperbel
- Mit Indiens Weisen in den Siedelein, Wo Ganga rauscht an Wasserlilienbeeten, Mit Zoroaster bei des Feuers Schein, Des heiligen, zu dem die Parsen beten, Wie mit Arabiens kühnen Wüstensöhnen Sprach ich vertraut in ihrer Sprache Tönen.
- Metapher
- Die Erde breitete wie eine Rolle Ihr Schönstes vor mir aus;
- Personifikation
- Und in der Bergschlucht, wo die Wasser rauschen, Der großen Mutter Worte zu belauschen.
- Vergleich
- Durchs Leben zog ich so, der Wolke gleich, Die sonnengolddurchglüht am Himmel gleitet;