An den gefangenen Dicaeus

Andreas Gryphius

1600

XI

Der Mutter enger Leib hilt erstlich dich gefangen / Als deine Seele ward in Fleisch und Bein verstrickt; So bald du dises Licht / das süsse Licht erblickt / Bist du in neue Band und Kercker eingegangen.

Was ist die grosse Welt? ein Blockhauß / da verlangen / Vnd Angst und schwere Noth mit strengen Fesseln drückt / Wenn uns der freye Tod / aus disen Ketten rückt/ Denn nimbt die Grufft in Hafft / die gantz erblaßten Wangen.

Was ist die Freyheit doch / die nirgend wird gefunden? Du bist eh’ als du bist / und weil du bist / gebunden; Du bindest dich selb-selbst in Furcht und Sorgen ein.

Doch! wer mit schnellem Geist kan durch die Wolcken rennen / Vnd Stricke / die Verlust und Hoffnung würckt / zutrennen; Kan /ob ihn Diamant gleich bünde /freye seyn.

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Illustration zu An den gefangenen Dicaeus

Interpretation

Das Gedicht "An den gefangenen Dicaeus" von Andreas Gryphius ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und der Frage nach Freiheit. Gryphius beginnt mit der Geburt, die er als den ersten Gefangenenstatus des Menschen beschreibt. Der Mensch wird im Mutterleib gefangen und kommt in die Welt, nur um erneut in neue Bande und Kerker zu geraten. Die Welt selbst wird als ein "Blockhauß" dargestellt, ein Ort voller Verlangen, Angst und schwerer Not, wo der freie Tod die einzige Erlösung aus den Ketten zu sein scheint. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert Gryphius über die Suche nach Freiheit. Er stellt die Frage, ob Freiheit überhaupt existiert, und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch von Natur aus gebunden ist. Die Fesseln, in denen er sich befindet, sind nicht nur äußerlich, sondern auch selbst auferlegt durch Furcht und Sorgen. Die menschliche Existenz ist von diesen inneren Zwängen geprägt, die den Menschen in einem Zustand der Unfreiheit halten. Im letzten Teil des Gedichts bietet Gryphius einen Hoffnungsschimmer. Er beschreibt einen Geist, der schnell genug ist, durch die Wolken zu rennen und die Fesseln, die Verlust und Hoffnung schaffen, zu durchtrennen. Dieser Geist kann frei sein, selbst wenn er von Diamant gebunden ist. Gryphius deutet an, dass wahre Freiheit in der Fähigkeit liegt, die eigenen mentalen und emotionalen Barrieren zu überwinden und sich von den selbst auferlegten Fesseln zu befreien.

Schlüsselwörter

licht vnd freye kan mutter enger leib hilt

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Was ist die grosse Welt? ein Blockhauß
Metapher
Stricke, die Verlust und Hoffnung würckt
Personifikation
Angst und schwere Noth mit strengen Fesseln drückt