An den Frieden

Karl Wilhelm Ramler

1744

Wo bist du hingeflohn, geliebter Friede? Gen Himmel, in dein mütterliches Land? Hast du dich, ihrer Ungerechtigkeiten müde, Ganz von der Erde weggewandt?

Wohnst du nicht noch auf einer von den Fluren Des Oceans, in Klippen tief versteckt, Wohin kein Wuchrer, keine Missethäter fuhren, Die kein Eroberer entdeckt?

Nicht, wo mit Wüsten rings umher bewehret, Der Wilde sich in deinem Himmel dünkt? Sich ruhig von den Früchten seines Palmbaums nähret? Vom Safte seines Palmbaums trinkt?

O! wo du wohnst, laß endlich dich erbitten: Komm wieder, wo dein süßer Feldgesang, Auf heerdenvollen Hügeln und aus Weinbeerhütten Und unter Kornaltären klang.

Sieh diese Schäfersitze, deine Freude, Wie Städte lang, wie Rosengärten schön, Nun sparsam, nun wie Bäumchen auf verbrannter Heide, Wie Gras auf öden Mauern stehn.

Die Winzerinnen halten nicht mehr Tänze; Die jüngst verlobte Garbenbinderin Trägt, ohne Saitenspiel und Lieder, ihre Kränze Zum Dankaltare weinend hin.

Denn ach! der Krieg verwüstet Saat und Reben Und Korn und Most; vertilget Frucht und Stamm; Erwürgt die frommen Mütter, die die Milch uns geben, Erwürgt das kleine fromme Lamm.

Mit unsern Rossen fährt er Donnerwagen, Mit unsern Sicheln mäht er Menschen ab; Den Vater hat er jüngst, er hat den Mann erschlagen, Nun fodert er den Knaben ab.

Erbarme dich des langen Jammers! rette Von deinem Volk den armen Überrest! Bind′ an der Hölle Thor mit siebenfacher Kette Auf ewig den Verderber fest.

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Illustration zu An den Frieden

Interpretation

Das Gedicht "An den Frieden" von Karl Wilhelm Ramler thematisiert den Verlust des Friedens und die Verwüstungen des Krieges. Der Dichter fragt, wo der geliebte Friede hingeflüchtet ist, ob er in den Himmel oder in ferne, unentdeckte Gegenden des Ozeans geflohen ist. Er sehnt sich nach der Rückkehr des Friedens, der einst auf den Feldern und in den Dörfern herrschte, wo der Gesang der Landarbeiter und das fröhliche Treiben zu hören waren. Ramler beschreibt die einst blühenden Schäfersitze, die nun wie Städte lang und wie Rosengärten schön waren, aber jetzt spärlich oder gar nicht mehr existieren. Die Winzerinnen tanzen nicht mehr, und die Garbenbinderin trägt ohne Saitenspiel und Lieder ihre Kränze zum Dankaltar, während sie weint. Der Krieg hat die Saat, die Reben, das Korn und den Most zerstört und die frommen Mütter und Lämmer getötet. Er fährt mit den Rossen und mäht mit den Sicheln Menschen ab, hat den Vater und den Mann erschlagen und fordert nun den Knaben. Der Dichter fleht den Frieden an, sich des langen Jammers zu erbarmen und das arme Volk zu retten. Er bittet darum, den Verderber, den Krieg, für immer an der Hölle zu fesseln, damit der Frieden zurückkehren und die Verwüstungen des Krieges beendet werden können.

Schlüsselwörter

himmel wohnst kein palmbaums jüngst erwürgt unsern hingeflohn

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Stilmittel

Anapher
Wo bist du hingeflohn, geliebter Friede? Gen Himmel, in dein mütterliches Land? Hast du dich, ihrer Ungerechtigkeiten müde, Ganz von der Erde weggewandt?
Hyperbel
Bind′ an der Hölle Thor mit siebenfacher Kette Auf ewig den Verderber fest
Metapher
Wo du wohnst, laß endlich dich erbitten
Personifikation
Der Krieg verwüstet Saat und Reben