An den Erlöser

Friedrich Gottlieb Klopstock

1724

Ich hofft’ es zu Dir, und ich habe gesungen, Versöhner Gottes, des neuen Bundes Gesang! Durchlaufen bin ich die furchtbare Laufbahn, Und Du hast mir mein Straucheln verziehn!

Beginn den ersten Harfenlaut, Heißer, geflügelter, ewiger Dank! Beginn, beginn, mir strömet das Herz, Und ich weine vor Wonne!

Ich fleh’ um keinen Lohn, ich bin schon belohnt Durch Engelfreuden, wenn ich Dich sang, Der ganzen Seele Bewegung Bis hin in die Tiefen ihrer ersten Kraft,

Erschüttrung des Innersten, daß Himmel Und Erde mir schwanden, Und flogen die Flüge nicht mehr des Sturms, durch sanftes Gefühl, Das, wie des Lenztags Frühe, Leben säuselte.

Der kennt nicht meinen ganzen Dank, Dem es da noch dämmert, Daß, wenn in ihrer vollen Empfindung Die Seele sich ergeußt, nur stammeln die Sprache kann.

Belohnt bin ich, belohnt! Ich habe gesehn Die Thräne des Christen rinnen Und darf hinaus in die Zukunft Nach der himmlischen Thräne blicken!

Durch Menschenfreuden auch. Umsonst verbürg’ ich vor Dir Mein Herz, der Ehrbegierde voll. Dem Jünglinge schlug es laut empor; dem Manne Hat es stets, gehaltner nur, geschlagen.

Ist etwa ein Lob, ist etwa eine Tugend, Dem trachtet nach! Die Flamm’ erkor ich zur Leiterin mir. Hoch weht die heilige Flamme voran und weiset Dem Ehrbegierigen besseren Pfad.

Sie war es, sie that’s, daß die Menschenfreuden Mit ihrem Zauber mich nicht einschläferten; Sie weckte mich oft der Wiederkehr Zu den Engelfreuden.

Sie weckten mich auch mit lautem, durchdringenden Silberton, Mit trunkner Erinnrung an die Stunden der Weihe, Sie selber, sie selber, die Engelfreuden, Mit Harf’ und Posaune, mit Donnerruf.

Ich bin an dem Ziel, an dem Ziel! und fühle, wo ich bin, Es in der ganzen Seele beben! So wird es (ich rede Menschlich von göttlichen Dingen) uns einst, Ihr Brüder Deß, Der starb und erstand, bei der Ankunft im Himmel sein!

Zu diesem Ziel hinauf hast Du, Mein Herr und mein Gott, Bei mehr als einem Grabe mich Mit mächtigem Arme vorübergeführt!

Genesung gabst Du mir, gabst Muth und Entschluß In Gefahren des nahen Todes! Und sah ich sie etwa, die schrecklichen unbekannten, Die weichen mußten, weil Du der Schirmende warst?

Sie flohen davon, und ich habe gesungen, Versöhner Gottes, des neuen Bundes Gesang! Durchlaufen bin ich die furchtbare Laufbahn! Ich hofft’ es zu Dir!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An den Erlöser

Interpretation

Das Gedicht "An den Erlöser" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist ein tief empfundenes Loblied auf Jesus Christus, den Versöhner Gottes und des neuen Bundes. Der Dichter drückt seine Dankbarkeit und Verehrung für die erlittenen Prüfungen und die letztendliche Erlösung aus. Er beschreibt, wie er die "furchtbare Laufbahn" durchlaufen hat, aber von Gott Vergebung und Gnade erfahren hat. Klopstock betont die überwältigende Freude und Erfüllung, die er durch das Singen und Dichten über Christus erfährt. Er vergleicht diese Erfahrung mit "Engelfreuden" und beschreibt, wie seine Seele in tiefster Bewegung und Erschütterung gerät. Die Sprache ringt um Worte, um diese göttliche Erfahrung angemessen auszudrücken, was die Grenzen menschlicher Ausdrucksfähigkeit in Bezug auf spirituelle Erfahrungen verdeutlicht. Das Gedicht schließt mit einem Ausblick auf das endgültige Ziel im Himmel, wo der Dichter und seine Brüder in Christus eine ähnliche tiefe Erfahrung der Gegenwart Gottes machen werden. Klopstock dankt Gott für die Führung und den Schutz auf dem Lebensweg, besonders in Gefahren und an Grabstätten. Er preist Gott als den Schirmenden und Mächtigen, der ihm Genesung, Mut und Entschlossenheit geschenkt hat. Das Gedicht endet mit einer Wiederholung des Dankes und der Anerkennung, dass der Dichter seine Hoffnung auf Gott gesetzt und erfüllt gesehen hat.

Schlüsselwörter

habe beginn belohnt engelfreuden ganzen seele etwa ziel

Wortwolke

Wortwolke zu An den Erlöser

Stilmittel

Alliteration
Ich hofft' es zu Dir
Anapher
Beginn, beginn, mir strömet das Herz
Apostrophe
Versöhner Gottes, des neuen Bundes Gesang!
Chiasmus
Sie war es, sie that's, daß die Menschenfreuden Mit ihrem Zauber mich nicht einschläferten
Hyperbel
Bis hin in die Tiefen ihrer ersten Kraft
Metapher
Durchlaufen bin ich die furchtbare Laufbahn
Personifikation
Die Flamm' erkor ich zur Leiterin mir
Rhetorische Frage
Ist etwa ein Lob, ist etwa eine Tugend, Dem trachtet nach!
Synästhesie
Mit lautem, durchdringenden Silberton
Vergleich
Das, wie des Lenztags Frühe, Leben säuselte