An den Abend

Heinrich Christian Boie

1915

Der du dem hingesunknen Volke, Das laut dir rufet, dich versteckst, Und noch mit einer Azurwolke Dich vor dem Blick des Tages deckst;

Komm, Hesperus, aetherisch milde, Komm, Götterkind auf diese Höhn, Komm auf die lechzenden Gefilde, Die deinem Gruß entgegen sehn!

Matt liegen sie! des Landmanns rege Tonvolle Freude hemmt ein Ach, Die Blumen welken hin und träge In dürren Ufern schleicht der Bach.

Ohnmächtig flüstert durch die Aeste Ein Wind, von schwülen Düften schwer. - Was zaudert ihr? Fliegt, fliegt, ihr Weste, Und traget meinen Liebling her!

Triumph! Sie haben ihn gefunden! O seht ihn! welch ein göttlich Bild! Mit Ros’ und Myrte rund umwunden Und ganz in Wohlgeruch gehüllt.

Von Zephyretten hergetragen, Die schon von seiner Wonne glühn, Nachläßig, langsam schwimmt sein Wagen Durch den zerrißnen Aether hin.

Im heitern drängenden Gewimmel, Begleitet von der Scherze Chor, Fliegt lächelnd durch die stillen Himmel Die Freude seinem Wagen vor,

Und senkt, gegrüßt durch frohe Lieder, Noch ehe sie sein Fuß betritt, Sich segnend auf die Flur hernieder Und singt in ihre Chöre mit.

O! welche Ambradüfte wallen Von jedem Anger zu dir auf! Herabgefleht, erseufzt von allen, Beschleunige den trägen Lauf!

Antwortend klopfet dir in Schlägen Des Mädchens und des Jünglings Brust Dir eilet Mann und Greis entgegen, Dir, Freund der Liebe, Freund der Lust!

Zu dir schwingt sich in Lobgesängen Der Vögel lautes Volk empor. Wie süßgemischte Töne drängen Sich schmeichelnd in mein horchend Ohr!

Dir schlägt der Wachtel helle Kehle, Die Lerche die sich früh erhob. Die klangenvolle Philomele, Die holde Amsel tönt dein Lob!

Welch ein Concert! Die kleine Grille Mischt leisezirpend auch sich ein, Und von dem fröhlichen Gebrülle Des Viehes bebt der nahe Hayn.

Wer wird hier fühllos nicht empfinden? Die ganze Flur wird ein Gesang; Er tönt von Bergen, tönt von Gründen; Der Nachhall wiederholt den Klang.

Und zornig dich zu sehn entrücket Die Sonne deinem Auge sich; Nur durch ein dünnes Wölkchen blicket Sie schamroth einmal noch auf dich.

Wie schön, wie majestätisch schwebet Ihr glühend Antlitz auf der Fluth! O! welch ein goldner Schimmer bebet In Purpurwolken! welche Glut!

Sie sinkt! sie sinkt! und läßt umwunden Von dir die Erde, die vergißt Daß sie des Tages Last empfunden Und deinen milden Scepter küsst.

Um ihre Stirne frische Kränze Und sanft geschlungen Hand in Hand, Versuchen Hirten ihre Tänze Und singen den, der sie verband.

Von deinem holden Einfluß trunken Fühlt sich der Nymphen lose Schaar, Und an des Freundes Brust gesunken, Kränzt jene dort sein blondes Haar.

Sie lacht mit ihm und küsst ihn freyer, Kein neidisch Auge darf sie scheun; Dein grauer zartgewebter Schleyer Hüllt sie in leichte Schatten ein.

Wie still wird izt die Luft! - Die Winde, Wie lieblich sind sie und wie schwach! Sanftlispelnd spielt das Laub der Linde, Und sanfter lispelt Echo nach.

Durch Blumen rinnt die Silberquelle; Es wäscht dem Ohr vernehmlich kaum Mit klagendem Geräusch die Welle Der schauervollen Grotte Saum.

Und immer dunkler wird die Hülle Die deine Huld der Erde webt, Und immer festlicher die Stille Die alles nach und nach begräbt,

Bis daß gehört in Feld und Hütten Kein Laut, kein Ton der Stimme wird, Nur wo allein mit leisen Schritten Noch heilige Betrachtung irrt.

Sie kömmt die Nacht, und alles lauschet, Kein Stern erhellet ihr Gewand. Ihr langsam schwerer Fittig rauschet, Erquickt und schreckt das bange Land.

Der Gott des Schlafs fliegt ihr zur Seiten; Die Phantasie, der Träume Flug, Der Eulen banger Schwarm begleiten Den ernsthaftfeyerlichen Zug.

Ein Mantel, der voll frischer Düfte Sich stolz an ihrer Schulter bläht, Fließt ausgewickelt durch die Lüfte In stralenloser Majestät.

Und meiner müden Hand entsinket Die Laute, die ich willig nahm, Wenn vom Olympus hergewinket Zu mir die jüngste Muse kam.

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Illustration zu An den Abend

Interpretation

Das Gedicht "An den Abend" von Heinrich Christian Boie ist ein Lobgesang auf den Abendstern Hesperus und die einkehrende Nacht. Boie beschreibt den Übergang vom Tag zur Nacht als eine triumphale Ankunft des Abendsterns, der mit Wohlgerüchen und einem von Zephyretten getragenen Wagen erscheint. Die Natur erwacht in dieser Stunde zu neuem Leben: Blumen duften, Vögel singen, und die Menschen feiern die Ankunft der Nacht mit Tänzen und Gesang. Der Abend wird als Zeit der Liebe und der Lust dargestellt, in der die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen und die Natur in harmonischem Einklang erklingt. Im zweiten Teil des Gedichts vertieft sich die Stimmung in eine immer dunklere und stiller werdende Nacht. Die Geräusche der Natur werden leiser, und eine heilige Betrachtung scheint die Erde zu umhüllen. Die Nacht selbst wird als eine mächtige, fast göttliche Gestalt beschrieben, begleitet von Schlaf, Phantasie und Träumen. Die Stille der Nacht wird als etwas Feierliches und Erhabenes dargestellt, das alle Geschöpfe in Ehrfurcht versetzt. Das Gedicht endet mit der resignierten Aufgabe des lyrischen Ichs, das seine Laute niederlegt, da die Muse vom Olymp her winkt. Boies Gedicht ist ein typisches Beispiel für die Empfindsamkeit und den Naturkult der Aufklärung. Er verklärt die Natur und stellt sie als harmonisches Ganzes dar, in dem sich der Mensch als Teil der Schöpfung wiederfindet. Die Beschreibung der Natur ist dabei sehr detailliert und sinnlich, was dem Leser ein lebendiges Bild der Abend- und Nachtstimmung vermittelt.

Schlüsselwörter

fliegt kein komm welch tönt hand laut tages

Wortwolke

Wortwolke zu An den Abend

Stilmittel

Apostrophe
Die holde Amsel tönt dein Lob
Metapher
Zu mir die jüngste Muse kam
Personifikation
Und noch mit einer Azurwolke Dich vor dem Blick des Tages deckst
Rhetorische Frage
Wer wird hier fühllos nicht empfinden?