An das Meer
1838O Meer, verlieh′st du nicht den brennendrothen Saft, Den heil′gen Purpur, draus man Kön′gen Mäntel schafft, Den Männern von Beryt und Tyrus? O finstres Meer, lag nicht in deiner grauen Flut Die dunkle Röthe, die mit königlicher Glut Umfloß den Heldenleib des Cyrus?
O du, des schwärzlichen Meergottes farb′ger Sohn, Purpur, bedecktest du nicht Alexanders Thron Im Land der Inder und der Scythen? - O Meer, dein dunkler Schooß verbirgt ein Labyrinth Von Wundern; - ist nicht auch die Perl′, o Meer, dein Kind? Gebarst du nicht selbst Aphrodite′n?
Ja, du bist reich! ich sah bis auf den Grund dich, Meer! Wie dem von Sidon du die Muschel gabst, daß er Den Purpur auf die Wolle drücke: So hast du meinem Blick dein Inn′res aufgethan, So ließest du im Geist mich deine Pracht empfahn, Auf daß sie meine Lieder schmücke.
Die alten Schätze, die auf deinem Boden ruhn, Die Horte, die man einst in dich versenkt, die Truh′n, Die durch das blaue Wasser blitzen; Die Drachen, deren Mund blutrothe Flammen speit, Die, Scepter in den Klau′n, im Scharlachschuppenkleid Das anvertraute Gut beschützen;
Die Schlange, deren Leib, gleichwie ein Meridian, Die halbe Welt umspannt, die Keines Augen sahn, Als meine, die mit sieben Zungen Das Eis des Nordpols leckt (- es schmilzt von ihrem Hauch, Die Gleichersonne senkt durch′s Wasser ihren Bauch, Den Südpol hält ihr Schweif umschlungen);
Die Städte, die dein Mund in seine Tiefe riß - (Als Wächter stehn am Thor und fletschen das Gebiß Meermänner mit blutgier′gen Blicken -); Den Seepolypen, der mit haar′gen Armen zuckt, Den Leviathan, der den Mond dereinst verschluckt, Wenn er vom Himmel fällt in Stücken;
Das Grab Neptuns - in das, als er gestorben war, Als ihn kein Steuermann mehr rief in der Gefahr Als jeder sich an Heil′ge wandte, An Fischefänger auf dem See Genezareth, Und nicht an ihn mehr, dem der Aethiop das Fett Von hundert Stieren einst verbrannte -
Sein Grab, in welches ihn ertrunkne Römer und Hellenen - sie auch, die der rothgefärbte Sund Von Salamis verschlang - begruben, Sich drüber legten, und - o, welch ein Leichenstein! - Aus ihrem eigenen verwitterten Gebein Dem todten Gott ein Mal erhuben;
Die Flaschen, die der Ring des Salomo verschloß, Die seit Jahrtausenden dein Wasser schon umfloß; Die Krüge, gläsern oder irden, In denen Geister sind, entsetzlich von Gestalt, Die losgelassen dich, o Weltmeer, wie Asphalt In lichte Flammen setzen würden: -
All′ hab′ ich es gesehn! - du hast dich mir gezeigt, Auf daß mein Mund von dir und deinen Wundern zeugt, Uraltes Meer, vor meinem Sterben. Du reichst den Purpur mir: mein Lied ist das Gewand, Auf dem er glühen soll, ich tauche mit der Hand In deine Flut, mein Lied zu färben.
Sieh′, wie es funkelt! sieh′, schon glänzt es purpurroth, Schon glüht es farb′ger, als die Flagge, die das Boot Aus China schmückt vor Surabaya! Schon geht es, buntgeschuppt, in seiner Pracht einher; Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden, wenn er Sich sonnt im Busen von Biscaya.
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Interpretation
Das Gedicht "An das Meer" von Ferdinand Freiligrath ist eine beeindruckende Ode an die Weite und den Reichtum des Meeres. Der Dichter preist das Meer als Quelle von Farbenpracht und Wundern, insbesondere des kostbaren Purpurs, der aus Meeresmuscheln gewonnen wurde. Er schildert das Meer als Hort alter Schätze, sagenhafter Kreaturen und versunkener Städte. Das Gedicht zeichnet sich durch eine opulente, bilderreiche Sprache aus, die die Faszination des Dichters für die geheimnisvolle Tiefe und die unermessliche Fülle des Meeres zum Ausdruck bringt. Freiligrath verwendet eine Vielzahl von Mythen und Legenden, um die Bedeutung des Meeres zu unterstreichen. Er erwähnt historische Persönlichkeiten wie Alexander den Großen und Cyrus, sowie biblische und mythologische Bezüge wie Neptun und Aphrodite. Die Verse sind voller Anspielungen auf ferne Länder und Kulturen, von China bis Biscaya, was die Universalität der Meeresverbindung betont. Der Dichter stellt sich selbst als Seher dar, der die Geheimnisse des Meeres erahnt und in seinem Gedicht festhält. Im letzten Teil des Gedichts wird die Metapher des Purpurs als poetisches Gewand besonders deutlich. Freiligrath vergleicht sein Gedicht mit einem mit Purpur gefärbten Gewand, das er aus dem Meer schöpft. Das Meer wird somit zum Quell der Inspiration und der kreativen Kraft. Der Dichter bittet das Meer, ihm seinen "brennendrothen Saft" zu geben, um sein Lied damit zu färben und zu veredeln. Das Gedicht endet mit einer triumphalen Beschreibung des nun purpurroten Gedichts, das in seiner Pracht einem Goldfisch gleicht, der sich in der Sonne spiegelt. Diese finale Metapher unterstreicht die Verwandlung des Gedichts durch die Kraft des Meeres und die kreative Genialität des Dichters.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Draus man Kön'gen Mäntel schafft
- Anapher
- O Meer, dein dunkler Schooß verbirgt ein Labyrinth / Von Wundern; - ist nicht auch die Perl', o Meer, dein Kind? / Gebarst du nicht selbst Aphrodite'n?
- Apostrophe
- O Meer, verlieh'st du nicht den brennendrothen Saft
- Bildsprache
- Wie dem von Sidon du die Muschel gabst, daß er / Den Purpur auf die Wolle drücke
- Enjambement
- O Meer, verlieh'st du nicht den brennendrothen Saft, / Den heil'gen Purpur, draus man Kön'gen Mäntel schafft
- Hyperbel
- Die Schlange, deren Leib, gleichwie ein Meridian, Die halbe Welt umspannt
- Metapher
- O du, des schwärzlichen Meergottes farb'ger Sohn
- Personifikation
- O Meer, verlieh'st du nicht den brennendrothen Saft
- Symbolik
- Den heil'gen Purpur, draus man Kön'gen Mäntel schafft
- Vergleich
- Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden