An Damis (1)

Johanna Charlotte Unzer

1782

Freund, den das strenge Geschick nun meiner Umarmung entrissen, Und weit von der zärtlichsten Freundinn geführt; Freund, der Du vormals die Kraft der siegenden Liebe empfunden, Empfindst Du sie itzt noch; so höre dieß Lied.

Dort, wo die Schatten des Hayns uns Liebende willig empfingen, Wo nie ein nachspürender Blick uns entdeckt; Dort, wo die Zephirs ins Thal auf weichem Moose sich welzten, Und uns in vertrauten Gesprächen behorcht;

Wo seit Jahrhunderten schon ehrwürdige Eichen sich breiten, Und stolz sich die schlankere Fichte erhebt: Da, Freund, da sank ich dahin, in deine mir wartenden Arme, Entzückt, wie die Wollust, und froh, wie der Scherz.

Die heitre, lachende Stirn umwölkte kein trüber Gedanke, Dein Blick traf gewaltig, wie Blitze, mein Herz. O Zeit! - - - In Dir, liebster Freund, da hatte ich alles gefunden, Die Freundschaft, die Liebe, Trost, Hoffnung und Rath.

Du sachest den Trieb in mir auf zur sel′gen Erkenntniß der Weisheit, Und Du, Du entwickeltest mich selber erst mir. Ihr Stunden flohet vorbey, wie Morgenträume dahin fliehn, Und alle, die folgen, ersetzen euch nicht.

Du nun verödeter Hayn, nun düstere traurige Schatten, Nun nicht mehr willkommene Zephirs, nicht mehr Mein lieblichs heiliges Thal! itzt seyd ihr mir schrecklich und einsam! Ist Damis hier nicht mehr; so lieb ich euch nicht.

O Freund! Wenn seh ich Dich einst! Wenn schlagen, in deiner Umarmung, Die pochenden Adern mit doppelter Kraft! O! Damis, könnt ich Dich sehn; ich würde die Wüsten nicht scheuen, Ich irrte begierig, mit strauchelndem Fuß,

Auf steilen Bergen umher, und stieg in die finstersten Thäler, Und wollte Dich rufen im einsamen Hayn; Wie eine Hindinn, voll Furcht, in Wüsteneyen herum irrt, Den ihr entrissenen Liebling zu sehn.

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Illustration zu An Damis (1)

Interpretation

Das Gedicht "An Damis (1)" von Johanna Charlotte Unzer handelt von der tiefen Sehnsucht und Trauer einer Frau nach ihrem Freund Damis, der durch das Schicksal von ihr getrennt wurde. Die Autorin beschreibt die gemeinsamen, glücklichen Momente, die sie in der Natur verbrachten, und wie diese Erinnerungen nun von Schmerz und Einsamkeit überschattet werden. Die Dichterin schildert die idyllische Umgebung, in der sie und Damis einst beieinander waren, umgeben von Eichen und Fichten, auf weichem Moos liegend und in vertrauten Gesprächen vertieft. Diese Naturkulisse diente als Rückzugsort für ihre Liebe und Freundschaft, fernab von neugierigen Blicken. Doch nun, da Damis nicht mehr an ihrer Seite ist, ist auch dieser einst geliebte Ort zu einem Ort der Trauer und Einsamkeit geworden. Die Autorin drückt ihre tiefe Sehnsucht nach Damis aus und beschreibt, wie sehr sie sich danach sehnt, ihn wiederzusehen und in seinen Armen zu liegen. Sie wäre bereit, weite Wege auf sich zu nehmen und selbst gefährliche Pfade zu beschreiten, nur um ihn wiederzufinden. Die Analogie zur Hirschkuh, die nach ihrem verlorenen Liebsten sucht, verdeutlicht die Intensität ihrer Gefühle und die Verzweiflung, die sie in Damis' Abwesenheit empfindet.

Schlüsselwörter

freund mehr umarmung kraft liebe itzt schatten blick

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Stilmittel

Anapher
Du sachest den Trieb in mir auf zur sel′gen Erkenntniß der Weisheit
Hyperbel
Ich würde die Wüsten nicht scheuen
Metapher
Dein Blick traf gewaltig, wie Blitze, mein Herz
Personifikation
Dort, wo die Schatten des Hayns uns Liebende willig empfingen
Vergleich
Wie eine Hindinn, voll Furcht, in Wüsteneyen herum irrt