An Charlotte von Stein
1775Warum gabst du uns die tiefen Blicke, Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke Wähnend selig nimmer hinzutraun? Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle, Uns einander in das Herz zu sehn, Um durch all die seltenen Gewühle Unser wahr Verhältnis auszuspähn?
Ach, so viele tausend Menschen kennen, Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz, Schweben zwecklos hin und her und rennen Hoffungslos in unversehnem Schmerz; Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden Unerwart′te Morgenröte tagt. Nur uns armen liebevollen beiden Ist das wechselseit′ge Glück versagt, Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen, In dem andern sehn, was er nie war, Immer frisch auf Traumglück auszugehen Und zu schwanken auch in Traumgefahr.
Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt! Glücklich, dem die Ahndung eitel wär! Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt Traum und Ahndung leider uns noch mehr. Sag, was will das Schicksal uns bereiten? Sag, wie band es uns so rein genau? Ach, du warst in abgelebten Zeiten Meine Schwester oder meine Frau.
Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, Spähtest, wie die reinste Nerve klingt, Konntest mich mit einem Blicke lesen, Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt; Tropftest Mäßigung dem heißen Blute, Richtetest den wilden irren Lauf, Und in deinen Engelsarmen ruhte Die zerstörte Brust sich wieder auf; Hieltest zauberleicht ihn angebunden Und vergaukeltest ihm manchen Tag. Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden, Da er dankbar dir zu Füßen lag, Fühlt′ sein Herz an deinem Herzen schwellen, Fühlte sich in deinem Auge gut, Alle seine Sinnen sich erhellen Und beruhigen sein brausend Blut!
Und von allem dem schwebt ein Erinnern Nur noch um das ungewisse Herz, Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern, Und der neue Zustand wird ihm Schmerz. Und wir scheinen uns nur halb beseelet, Dämmernd ist um uns der hellste Tag. Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet, Uns doch nicht verändern mag!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "An Charlotte von Stein" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von einer tiefen und komplexen Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und Charlotte von Stein. Das Gedicht drückt eine Mischung aus Sehnsucht, Schmerz und Resignation aus, die durch die tiefe Verbindung und das gegenseitige Verständnis zwischen den beiden entsteht. Goethe reflektiert über die Natur ihrer Beziehung, die von intensiven Emotionen und einer tiefen, fast seelischen Verbindung geprägt ist. Das lyrische Ich hinterfragt, warum das Schicksal ihnen die Fähigkeit gegeben hat, tief in die Zukunft zu blicken und die wahre Natur ihrer Liebe zu erkennen. Diese Einsicht führt zu einer unerträglichen Spannung, da sie sich ihrer gegenseitigen Zuneigung bewusst sind, aber gleichzeitig die Unmöglichkeit erkennen, diese vollständig zu verwirklichen. Das Gedicht beschreibt die Qual der Erkenntnis, dass ihre Liebe von Missverständnissen und unerfüllten Erwartungen geprägt ist. Goethe verwendet Bilder von Traum und Wirklichkeit, um die Ambivalenz ihrer Beziehung zu verdeutlichen. Das lyrische Ich fühlt sich gefangen zwischen der Schönheit ihrer gemeinsamen Momente und der schmerzhaften Erkenntnis, dass diese Momente vergänglich sind. Die Erinnerungen an vergangene Zeiten, in denen Charlotte eine beruhigende und stabilisierende Wirkung auf das lyrische Ich hatte, stehen im Kontrast zur gegenwärtigen Unsicherheit und dem Schmerz der unerfüllten Liebe. Abschließend drückt das Gedicht eine Art resignative Akzeptanz aus. Trotz des Schmerzes und der Qual, die ihre tiefe Verbindung mit sich bringt, gibt es eine gewisse Erleichterung darin, dass das Schicksal sie nicht voneinander trennen kann. Das lyrische Ich bleibt in einem Zustand der Sehnsucht und des unvollständigen Verstehens, aber es gibt auch eine tiefe Wertschätzung für die Intensität und Tiefe ihrer Beziehung, die trotz aller Schwierigkeiten bestehen bleibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz
- Anapher
- Warum gabst du uns die tiefen Blicke, Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke Wähnend selig nimmer hinzutraun?
- Hyperbel
- Ach, so viele tausend Menschen kennen
- Kontrast
- Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden Unerwart′te Morgenröte tagt
- Metapher
- Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet, Uns doch nicht verändern mag
- Personifikation
- Uns einander in das Herz zu sehn