An Belindens Bett

Johann Georg Jacobi

1774

Du kleines Lager, wo vergnügt Die Schönheit mit der Unschuld liegt! Beglücktes Heiligthum der Liebe, Bey dem, gewöhnt an frechen Raub, Ein roher Satyr schüchtern bliebe! Dir will ich noch das letzte Laub Der längst gestorbnen Rose streuen; Dich soll ein Dichter nicht entweihen, Der gerne mit dem Amor spielt, Und doch den Werth der Weisheit fühlt.

Geheimer Schauder! Stille Lust! Bemächtigt euch des Jünglings Brust. Du Schlummerstätte meiner Schönen! O zeige mir Belindens Bild; Hier siehst du jeden Reiz enthüllt; Hier sagt sie dir mit halben Tönen Vielleicht, was ihren Wünschen fehlt, Was sie noch selber sich verhehlt.

Dein Vorhang rauscht, und Träume schlüpfen Durch ihn: ein allerliebstes Heer! Schön, wie der Venus Kinder, hüpfen Sie um das fromme Mädchen her. Belinde zürnt: auf ihren Wangen Ist Keuschheit, Jugend, und Verlangen.

Wenn sie nun zärtlicher erwacht; Wenn sie, nach ungenoßnen Freuden, Der Morgensonn′ entgegen lacht, Und in verrätherische Tracht Behende Grazien sie kleiden: Dann, o dann muß ich dich beneiden!

Doch ungestüme Wünsche nicht Soll dieser kleine Tempel hören; Nur Seufzer darf ich mir gewähren, Bescheiden, wie ein Amor spricht In einem Wäldchen mit Cytheren.

Ihr, die, von wilder Gluth entbrannt, Der Gott der Liebe nie gekannt, Zerreißet mit verwegner Hand Der Schönheit heiliges Gewand, Das Huldgöttinnen ihr gewebet, Indeß ein sanfter Hirt erbebet, Wenn er Belindens Lager sieht, Voll Ehrfurcht ihre Zelle flieht; Und auf verschwiegnen grünen Heiden, Wo Götter mit dem Mädchen weiden, Auf Blumen es verfolgt und küßt, Und ohne Reu beglückter ist, Als ihr im Taumel eurer Freuden.

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Illustration zu An Belindens Bett

Interpretation

Das Gedicht "An Belindens Bett" von Johann Georg Jacobi ist ein romantisches Loblied auf die Unschuld und Schönheit der schlafenden Belinde. Der Dichter betrachtet ihr Bett als heiligen Ort der Liebe, an dem selbst ein roher Satyr schüchtern bleiben würde. Er möchte noch ein letztes Rosenblatt auf ihr Bett streuen und betont, dass ein Dichter, der mit Amor spielt und doch den Wert der Weisheit fühlt, diesen heiligen Ort nicht entweihen sollte. In den folgenden Strophen beschreibt der Dichter seine Gefühle und Wünsche, als er Belindens Bett betrachtet. Er empfindet einen geheimen Schauder und eine stille Lust, die sich seiner jugendlichen Brust bemächtigen. Er bittet das Bett, ihm Belindens Bild zu zeigen und ihr Geheimnisse zu offenbaren, die sie selbst noch nicht preisgegeben hat. Der Dichter imaginiert, wie Träume durch den Vorhang des Bettes schlüpfen und wie eine Schar von Amoretten um das fromme Mädchen herumtänzeln. Belinde erwacht zärtlicher und lacht der Morgensonne entgegen, während sie von Grazien in eine verräterische Tracht gekleidet wird. Der Dichter beneidet diesen Anblick und wünscht sich, an ihrer Stelle zu sein. Im letzten Teil des Gedichts betont der Dichter, dass ungestüme Wünsche diesen heiligen Ort nicht entweihen sollten. Er beschränkt sich darauf, seufzend und bescheiden zu sein, wie Amor, der mit Cythere in einem Wäldchen spricht. Der Dichter wendet sich an diejenigen, die von wilder Glut entbrannt sind und die Schönheit entweihen, indem sie ihr heiliges Gewand zerreißen. Er vergleicht sie mit einem sanften Hirten, der voller Ehrfurcht Belindens Lager betrachtet und ihre Zelle flieht. Der Hirte verfolgt und küsst die Blumen auf geheimen grünen Weiden, wo Götter mit dem Mädchen weiden, und ist ohne Reue glücklicher als diejenigen, die in ihrem Taumel der Freuden schwelgen.

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Stilmittel

Alliteration
Bemächtigt euch des Jünglings Brust
Bildsprache
Auf verschwiegnen grünen Heiden
Hyperbel
Glücklicher ist, Als ihr im Taumel eurer Freuden
Kontrast
Keuschheit, Jugend, und Verlangen
Metapher
Dieser kleine Tempel
Personifikation
Der Vorhang rauscht
Symbolik
Der Gott der Liebe