An Asterien.

Martin Opitz

1624

Zweymal ist jetzund gleich der schöne Früling kommen / Vnd zweymal hat der Frost deß winters abgenommen Der bäume grünes kleid / als Venus zu mir kam / Vnd mich / Asterie / von Phebus Seiten nam / Vnd dir zugab. vorhin entbrandten meine Sinnen / Durch Durst der Ewigkeit / als ich mich zu gewinnen Der Tugendt schloß befließ: jetzt bin ich / meine Ziehr / So weit von jhnen ab / so nah′ ich bin bey dir. Wie offt′ hab′ ich bißher gehoffet frey zu werden / Wie offtmals hatten mich geführet von der Erden Die Flügel der Vernunfft / wann nicht das weite Meer Der grossen Freundligkeit in dir gewesen wer? Jedoch wird mich vnd dich Thalia nicht verschweigen / Mein Augentrost ich geh′ / ich geh′ jetzt zuersteigen Der Ehren hohes Schloß; ob gleich der schnöde Neid Den Weg verwachen wird / den Weg der Ewigkeit. Der schnellen Jahre Flucht / so alles sonst kan tödten / Hat nicht Gewalt in vns; die trefflichen Poeten Sind viel mehr als man meynt: jhr hoher Sinn vnd Geist Ist von deß Himmels Sitz′ in sie herab gereist. Ein frey Gewissen auch ist gar nicht angebunden An das Geschrey deß Volcks / das ähnlich ist den Hunden: Sie bellen in die Lufft wo sie nicht können gehn / Vnd bleiben doch allhier weit von dem Himmel stehn. So bald vns Atropos den Faden abgeschnitten / So balde haben wir auch vnser Recht erlitten: Wann vnsre Seel′ vnd Geist deß Leibes sind befreyt Vnd lassen diese Welt / so lest vns auch der Neidt. So ward auch Hercules / der Kern der Helden / inne / Daß niemandt weil er lebt die Mißgunst zähmen könne. Diß ist der alte Lauff. Ich / den du hier siehst stehn / Vnd auch dein Lob mit mir / soll nimmer vntergehn: Es sey daß mir hinfort für andern wird belieben Was Aristoteles / was Xenophon geschrieben / Was Plato reich von list / was Seneca gesagt / Was Cato; oder auch es sey das mir gehagt Ohn einigen Termin die Bücher aller Alten / So durch deß Himmels Gunst bißher sind vorbehalten / Zu schliessen in mein Hertz′ / als wie ein muthig Pferdt / Das sich an keinen Zaum vnd keine schrancken kehrt / Vnd kan nicht stille stehn / begiehrig fort zu lauffen; Es sey auch wie es will / so werd′ ich von dem Hauffen Deß Pöfels seyn getrennt; mein Lieb / mit dem bescheid′ Erwart′ ich deiner Huldt vnd Gegenfreundligkeit. Gleich wie ein Tigerthier der säuglinge beraubet / Jetzt dort′ / jetzt dahin laufft; es wütet / tobet / schnaubet / Es heulet daß die Berg′ vnd aller Wald erschallt; So schrey ich auch nach dir mein bester Auffenthalt. Ergib dich daß du nicht / wann ich dir bin genommen / Dürffst sagen allererst: Ach möchstu wider kommen / O Philomusus werth / O edeler Verstandt; Wie hertzlich wolt′ ich doch dir bieten meine Hand / Dir bieten meine Lieb′ vnd rechte wahre Trewe: Dann wird vergeblich seyn / O Jungfraw deine Rewe / Dann wird vergeblich seyn dein Weinen / Klag′ vnd Leidt; Das Korn wechst gar nicht mehr ists einmal abgemeyt. Wer wird hernach / mein lieb / wer wird hernach dich preisen Wann diß mein jrrdin Faß dann wird die Würme speisen? Drumb komm / O Schöne / komm / eh′ es zu langsam ist / Komm / laß vns gehn den Weg / den ich mir außerkiest. Schaw′ / O Asterie / die Meisterinn der Zeiten Das ewige Geschrey / die Hand nach dir außbreiten / Vnd dir geneiget seyn: nimb sie von Hertzen an / Die ewig deine Ziehr vnd dich erhalten kan.

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Illustration zu An Asterien.

Interpretation

Das Gedicht "An Asterien" von Martin Opitz ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Liebe und die Unsterblichkeit der Seele. Opitz beschreibt den Frühling als eine Zeit der Erneuerung und des Wachstums, die ihn zu Asterien, seiner Geliebten, führt. Er vergleicht die Liebe zu Asterien mit der Tugend und dem Streben nach Ewigkeit, die ihn zuvor erfüllt haben. Opitz betont, dass die Liebe zu Asterien ihn von der Erde befreit und ihm die Flügel der Vernunft gibt, um zu den höheren Sphären aufzusteigen. Er hofft, dass Thalia, die Muse der Komödie, ihre Liebe nicht verschweigen wird und dass sie gemeinsam das Schloss der Ehre erklimmen können, trotz des Neids und der Eifersucht, die ihnen im Weg stehen könnten. Opitz glaubt fest an die Unsterblichkeit der Seele und der Liebe. Er argumentiert, dass die schnellen Jahre des Lebens die wahren Dichter nicht töten können, da ihr hoher Geist und Sinn vom Himmel herabgekommen sind. Er betont, dass ein freies Gewissen nicht an das Geschrei des Volkes gebunden ist, das wie Hunde in die Luft bellt und weit vom Himmel entfernt bleibt. Opitz vergleicht die Liebe zu Asterien mit der Liebe von Hercules, der erkannte, dass niemand die Missgunst zähmen kann, solange er lebt. Er glaubt, dass ihre Liebe und ihr Lob niemals untergehen werden, selbst wenn er die Werke der großen Philosophen und Dichter der Antike vergisst. Opitz bittet Asterien, sich ihm hinzugeben, bevor es zu spät ist, und verspricht ihr, dass ihre Liebe und Schönheit ewig bewahrt werden.

Schlüsselwörter

vnd deß wann vns seyn gleich weg kan

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Es sey daß mir hinfort für andern wird belieben / Was Aristoteles / was Xenophon geschrieben
Metapher
Die ewig deine Ziehr vnd dich erhalten kan
Personifikation
So bald vns Atropos den Faden abgeschnitten
Vergleich
Das ähnlich ist den Hunden: / Sie bellen in die Lufft wo sie nicht können gehn