An Apollon

Else Lasker-Schüler

1913

Es ist am Abend im April. Der Käfer kriecht ins dichte Moos. Er hat so Angst - die Welt so groß!

Die Wirbelwinde hadern mit dem Leben, ich halte meine Hände still ergeben auf meinem frommbezwungenen Schoß.

Ein Engel spielte sanft auf blauen Tasten, langher verklungene Phantasie. Und alle Bürde meiner Lasten, verklärte und entschwerte sie.

Jäh tut mein sehr verwaistes Herz mir weh - blutige Fäden spalten seine Stille. Zwei Augen blicken wund durch ihre Marmorhülle in meines pochenden Granates See.

Er legte Brand an meines Herzens Lande - nicht mal sein Götterlächeln ließ er mir zum Pfande.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An Apollon

Interpretation

Das Gedicht "An Apollon" von Else Lasker-Schüler beschreibt eine tief empfundene Sehnsucht und Verletzlichkeit des lyrischen Ichs. Die Abendstimmung im April und das ängstliche Kriechen des Käfers im Moos schaffen eine Atmosphäre der Zerbrechlichkeit und des Unbehagens. Die "Wirbelwinde", die mit dem Leben hadern, verstärken dieses Gefühl der Unsicherheit und des Kampfes gegen äußere Kräfte. Das lyrische Ich hält seine Hände still und ergeben auf dem Schoß, was eine Haltung der Resignation und des Gebets andeutet. Die Erscheinung eines Engels, der sanft auf blauen Tasten spielt, bringt eine kurze Erleichterung und Entlastung von den Lasten des lyrischen Ichs. Die Musik des Engels wird als "langher verklungene Phantasie" beschrieben, was darauf hindeutet, dass diese Erleichterung nur von kurzer Dauer ist. Die Bürde der Lasten wird zwar "verklärt und entschwert", aber nicht vollständig gelöst oder beseitigt. Im letzten Strophenabschnitt wird die tiefe emotionale Verletzung des lyrischen Ichs deutlich. Das Herz wird als "sehr verwaist" beschrieben und die Stille wird durch "blutige Fäden" gespalten. Die Augen blicken "wund" durch ihre "Marmorhülle" in die "pochender Granates See", was die innere Zerrissenheit und das pochende Leid symbolisiert. Der Bezug zu Apollon, dem Gott der Dichtung und Musik, wird im letzten Vers deutlich, als er "Brand" auf das Herz des lyrischen Ichs legt. Das "Götterlächeln" wird als Pfand genommen, was darauf hindeutet, dass selbst die göttliche Schönheit und Freude dem lyrischen Ich nicht mehr Trost spenden können.

Schlüsselwörter

abend april käfer kriecht dichte moos angst welt

Wortwolke

Wortwolke zu An Apollon

Stilmittel

Metapher
Nicht mal sein Götterlächeln ließ er mir zum Pfande
Personifikation
Die Wirbelwinde hadern mit dem Leben