An Amalie Hassenpflug
1839Jüngst hab′ ich dich gesehn im Traum, So lieblich saßest du behütet In einer Laube grünem Raum, Von duftendem Jasmin umblütet, Durch Zweige fiel das goldne Licht, Aus Vogelkehlen ward gesungen, Du saßest da, wie ein Gedicht, Von einem Blumenkranz umschlungen.
Und deine liebe Rechte trug Das Antlitz mit so edlen Sitten, Im Sand das aufgeschlagne Buch Schien von dem Schoße dir geglitten; Dich lehnend an den frischen Hag Hauchtest du flüsternd leise Küsse, Im Auge einer Träne lag, Wie Tau im Kelche der Narzisse.
Dich anzuschaun war meine Lust, Zu lauschen deiner Züge Regen, Und dennoch hätt′ ich gern gewußt, Was dich so innig mocht′ bewegen? Da bogst du sacht hinab den Zweig, Strichst lächelnd an der Spitzenhaube, An deine Schulter huscht′ ich gleich, Sah einen Baum in schlichtem Laube,
Und auf dem Baume saß ein Fink, Der schleppte dürres Moos und Reisig, »Schau her, schau wieder!« zirpt′ er flink Und förderte am Nestchen fleißig; Er sah so keck und fröhlich aus, Als trüg′ er des Flamingo Kleider, So sorglich hüpft′ er um sein Haus, Als fürcht′ er bösen Blick und Neider.
Und wenn ein Reischen er gelegt, Dann rief er alle Welt zu Zeugen, Als müsse, was der Garten hegt, Blum′ und Gesträuch sich vor ihm neigen; Um deine Lippe flog ein Zug, Wie ich ihn oft an ihr gesehen, Und meinen Namen ließ im Flug Sie über ihre Spalte gehen.
Schon hob ich meine Hand hinauf, Mit leisem Schlage dich zu strafen, Allein da wacht′ ich plötzlich auf Und bin nicht wieder eingeschlafen; Nur deiner hab′ ich fortgedacht, Säh′ dich so gern am grünen Hage, Mich dünkt, so lieb wie in der Nacht, Sah ich dich noch an keinem Tage.
Im Eise schlummern Blum′ und Zweig, Dezemberwinde schneidend wehen, Der Garten steht im Wolkenreich, Wo tausend schönre Gärten stehen; So golden ist kein Sonnenschein, Daß er wie der erträumte blinke; Doch du, bist du nicht wirklich mein? Und bin ich nicht dein dummer Finke?
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Interpretation
Das Gedicht "An Amalie Hassenpflug" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt einen Traum, in dem die Sprecherin ihre Freundin Amalie in einer idyllischen Gartenlaube sieht. Die Traumvision ist geprägt von einer harmonischen Naturkulisse mit Jasmin, Vogelgesang und goldenem Licht, das durch die Zweige fällt. Amalie sitzt wie ein Gedicht, umgeben von einem Blumenkranz, und wirkt tief in ein Buch vertieft, während eine Träne in ihrem Auge glänzt. Die Sprecherin ist fasziniert von Amaliens Anblick und möchte verstehen, was sie so bewegt. Sie beugt sich zu Amalie hinab und entdeckt gemeinsam mit ihr einen Fink, der eifrig an seinem Nest baut. Der Vogel wirkt keck und stolz, als würde er sein Werk der ganzen Welt präsentieren. Amalie lächelt und flüstert den Namen der Sprecherin, was diese tief berührt. Die Sprecherin hebt die Hand, um Amalie zärtlich zu strafen, doch plötzlich erwacht sie aus dem Traum. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert die Sprecherin über die Vergänglichkeit des Traums und den Kontrast zur winterlichen Realität. Sie sehnt sich danach, Amalie wiederzusehen und fragt sich, ob ihre Freundschaft nicht ebenso echt und wertvoll ist wie der Traum. Die Metapher des "dummen Finken" deutet auf eine tiefe emotionale Verbundenheit und den Wunsch hin, Amalie nahe zu sein und sie zu beschützen, ähnlich wie der Vogel sein Nest.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- flüsternd leise Küsse
- Bildsprache
- Durch Zweige fiel das goldne Licht
- Enjambement
- Und deine liebe Rechte trug / Das Antlitz mit so edlen Sitten
- Hyperbel
- Als trüg' er des Flamingo Kleider
- Ironie
- Und bin ich nicht dein dummer Finke?
- Metapher
- Du saßest da, wie ein Gedicht
- Personifikation
- Blum' und Gesträuch sich vor ihm neigen
- Reimschema
- AABB
- Symbolik
- Jasmin
- Vergleich
- Wie Tau im Kelche der Narzisse