An Albert von Thorwaldsen
1847Zu seinem Geburtsfest am 8. März 1827.
So sei gegrüßt zur heitern Feierstunde, Wir nahen dir mit dankbarem Gefühl, Nur Eine Liebe weht in unserm Bunde, Nur Ein Gedank′ im festlichen Gewühl: Des Meisters Name tönt von unserm Munde, Was in den Herzen glüht, ist groß und viel, Den leeren Schwall der Worte laßt uns meiden, Der Meister ist′s, so sind auch wir bescheiden.
Ernst ist die Zeit und schwere Wolken liegen An jenem reinen Himmel ausgestreckt, Aus dem die Götter einst herniederstiegen, Die jeden Keim des Irdischen geweckt, Und ew′ge Mächte, die im Himmel siegen, Das Haupt mit ird′schem Lorbeer sich bedeckt, Da brach sich, durch den Erdendunst gezogen, Die Kunst ihr Bild - der Schönheit Regenbogen.
Doch wie es kam, daß jene Götter schwanden, Und jene hold lebend′ge Fabelwelt, Aus der das himmlische Geschlecht erstanden, Und Kunst und Leben, innig sich gesellt, An Einem Urquell, ihre Kränze wanden, Von gleicher Sehnsucht, gleicher Lust geschwellt, Verschweigen wir′s an diesem Freudentage, Denn wo Entzücken ist, verstummt die Klage.
Bist du doch unser, der zu jenen Reichen Der abgeschiednen Vorwelt Wege fand, Alkmenes Sohn an Stärke zu vergleichen, Hernieder stieg, den Schattenwächter band, Dem Orpheus gleich, die Braut dir zu erreichen, Hinaus drang bis an Lethe′s Geisterstrand, Und herrlich, als ein neues Frühroth lachte, Die süße Braut - die Kunst vom Grabe brachte.
Und wenn dein Geist in seiner Schöpferfülle Mit ihr am liebsten ew′ge Kinder schafft, So stieg ihm doch aus reiner Himmelsstille Herab die zarte wunderbare Kraft, Die sich gezeigt in menschlich wahrer Hülle, Der ernste Heiland, und hinweggerafft Von seinem übermächtigen Erscheinen, Vermochtest du zwei Welten zu vereinen.
Laß uns nur Einen hohen Wunsch, den heute Die muntre Schaar vor deinem Auge hegt, Nur Einen Stolz, der dir und uns bedeute, Was uns das Herz fürs Vaterland bewegt: Wir sind ein gutes Volk, in ew′gem Streite, Voll Ernst und Kraft, von Allem angeregt, Was Großes sich erzeugt in großen Seelen, - O laß uns dich zu unserm Volke zählen!
Kann dieser Wunsch auch ganz uns nicht gelingen, So tröstet deine höh′re Heimath nur, Denn zu Unsterblichen auf Götterschwingen Enttrug dich dein unsterblicher Merkur! So wenig wir ans ew′ge Herz ihr dringen, Wir fühlen, lieben, ehren die Natur, Wenn unser selbst die Sterne sind geworden, So werd′ auch du uns, großer Stern vom Norden!
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Interpretation
Das Gedicht "An Albert von Thorwaldsen" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein Festgedicht zum Geburtstag des dänischen Bildhauers Albert von Thorwaldsen. Das Gedicht beginnt mit einem Gruß und einer Anerkennung für den Meister, dessen Name von den Anwesenden ausgesprochen wird. Die Zeit wird als ernst und schwer beschrieben, aber die Kunst, insbesondere die Schönheit, wird als Regenbogen dargestellt, der durch den Erdendunst bricht. Das Gedicht setzt sich fort, indem es die Verbindung zwischen Kunst und Leben betont und wie der Künstler es geschafft hat, die Wege zu jenen Reichen der abgeschiedenen Vorwelt zu finden. Es wird auch auf die Schöpferfülle des Künstlers und seine Fähigkeit, zwei Welten zu vereinen, hingewiesen. Der Wunsch, dass der Künstler Teil des Volkes sein möge, wird geäußert, und es wird darauf hingewiesen, dass der Künstler auf Götterschwingen zu den Unsterblichen entrückt wurde. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, dass der Künstler zu einem Stern geworden ist, der von den Anwesenden geliebt, geehrt und gefühlt wird.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Hyperbel
- Alkmenes Sohn an Stärke zu vergleichen
- Metapher
- So werd' auch du uns, großer Stern vom Norden
- Personifikation
- Die Kunst ihr Bild - der Schönheit Regenbogen