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An Albert von Thorwaldsen

Von

Zu seinem Geburtsfest am 8. März 1827.

So sei gegrüßt zur heitern Feierstunde,
Wir nahen dir mit dankbarem Gefühl,
Nur Eine Liebe weht in unserm Bunde,
Nur Ein Gedank′ im festlichen Gewühl:
Des Meisters Name tönt von unserm Munde,
Was in den Herzen glüht, ist groß und viel,
Den leeren Schwall der Worte laßt uns meiden,
Der Meister ist′s, so sind auch wir bescheiden.

Ernst ist die Zeit und schwere Wolken liegen
An jenem reinen Himmel ausgestreckt,
Aus dem die Götter einst herniederstiegen,
Die jeden Keim des Irdischen geweckt,
Und ew′ge Mächte, die im Himmel siegen,
Das Haupt mit ird′schem Lorbeer sich bedeckt,
Da brach sich, durch den Erdendunst gezogen,
Die Kunst ihr Bild – der Schönheit Regenbogen.

Doch wie es kam, daß jene Götter schwanden,
Und jene hold lebend′ge Fabelwelt,
Aus der das himmlische Geschlecht erstanden,
Und Kunst und Leben, innig sich gesellt,
An Einem Urquell, ihre Kränze wanden,
Von gleicher Sehnsucht, gleicher Lust geschwellt,
Verschweigen wir′s an diesem Freudentage,
Denn wo Entzücken ist, verstummt die Klage.

Bist du doch unser, der zu jenen Reichen
Der abgeschiednen Vorwelt Wege fand,
Alkmenes Sohn an Stärke zu vergleichen,
Hernieder stieg, den Schattenwächter band,
Dem Orpheus gleich, die Braut dir zu erreichen,
Hinaus drang bis an Lethe′s Geisterstrand,
Und herrlich, als ein neues Frühroth lachte,
Die süße Braut – die Kunst vom Grabe brachte.

Und wenn dein Geist in seiner Schöpferfülle
Mit ihr am liebsten ew′ge Kinder schafft,
So stieg ihm doch aus reiner Himmelsstille
Herab die zarte wunderbare Kraft,
Die sich gezeigt in menschlich wahrer Hülle,
Der ernste Heiland, und hinweggerafft
Von seinem übermächtigen Erscheinen,
Vermochtest du zwei Welten zu vereinen.

Laß uns nur Einen hohen Wunsch, den heute
Die muntre Schaar vor deinem Auge hegt,
Nur Einen Stolz, der dir und uns bedeute,
Was uns das Herz fürs Vaterland bewegt:
Wir sind ein gutes Volk, in ew′gem Streite,
Voll Ernst und Kraft, von Allem angeregt,
Was Großes sich erzeugt in großen Seelen, –
O laß uns dich zu unserm Volke zählen!

Kann dieser Wunsch auch ganz uns nicht gelingen,
So tröstet deine höh′re Heimath nur,
Denn zu Unsterblichen auf Götterschwingen
Enttrug dich dein unsterblicher Merkur!
So wenig wir ans ew′ge Herz ihr dringen,
Wir fühlen, lieben, ehren die Natur,
Wenn unser selbst die Sterne sind geworden,
So werd′ auch du uns, großer Stern vom Norden!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: An Albert von Thorwaldsen von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An Albert von Thorwaldsen“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Huldigung an den berühmten Bildhauer Bertel Thorvaldsen zu dessen Geburtstag. Das Gedicht zeugt von tiefer Verehrung und Bewunderung für Thorvaldsens Kunst und stellt ihn in eine Reihe mit den großen Künstlern und Helden der Antike.

In der ersten Strophe wird Thorvaldsen feierlich begrüßt. Die „heitere Feierstunde“ und das „dankbare Gefühl“ der Versammelten drücken die Freude über seinen Geburtstag aus. Die Betonung der „Einen Liebe“ und des „Ein Gedank′“ verdeutlicht die einigende Kraft der Kunst und die gemeinsame Verehrung des Meisters. Die Bescheidenheit, die die Künstler zeigen, unterstreicht die Ehrfurcht vor dem Schaffen Thorvaldsens. In der zweiten Strophe wird die Zeit als „ernst“ beschrieben, was darauf hindeutet, dass das Gedicht in einer Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit entstanden ist. Die Kunst wird als „Regenbogen“ dargestellt, der über den „Erdendunst“ der Zeit hinausragt.

Die dritte Strophe reflektiert über das Verschwinden der antiken Götterwelt und die Verbindung von Kunst und Leben. Waiblinger deutet an, dass die Kunst, verkörpert durch Thorvaldsen, einen Weg gefunden hat, die Ideale und die Schönheit der Antike in die Gegenwart zu tragen. Thorvaldsen wird in der vierten Strophe mit antiken Helden verglichen: Alkmenes Sohn und Orpheus. Diese Vergleiche heben die Größe und das schöpferische Genie des Bildhauers hervor, der wie diese Helden in die Tiefen vorgedrungen ist, um Schönheit und Kunst zu erwecken. Die Erwähnung des „Heiland“ in der fünften Strophe deutet auf die Fähigkeit Thorvaldsens, verschiedene Welten zu vereinen.

In der sechsten Strophe äußern die Künstler den Wunsch, dass Thorvaldsen Teil ihres Volkes sei, was die Verbundenheit des Dichters und seiner Zeitgenossen mit dem Künstler und dessen Werk unterstreicht. Die abschließende siebte Strophe tröstet Thorvaldsen mit dem Gedanken an seine „höh’re Heimath“ und die Unsterblichkeit, die ihm durch seine Kunst gewiss ist. Die abschließenden Zeilen beschwören ihn als „großen Stern vom Norden“, der in der Wertschätzung der Künstler weiterleben wird. Das Gedicht ist somit eine Hommage an Thorvaldsens künstlerische Leistung und ein Ausdruck der Wertschätzung für seine Bedeutung für die Kunst und die deutsche Kultur.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.