Amors Amme
1806Amors Ankunft in Cythere Wird ein allgemeines Fest, Als sich Venus nicht die Ehre Ihn zu stillen rauben läßt. Weil er aber nur betrachtet Und, schon Kind nicht mehr, allein Des Gefäßes Reizen schmachtet, Will ihm keine Milch gedeihn.
Rath in solcher Noth gewähren Heißt die Göttin ihren Hof: Haben Amorn aufzunähren, Andre doch vielleicht den Stoff. Da den Vorzug zu gewinnen Treten in gedrängter Zahl Heldentöchter und Göttinnen Und die Tugenden zur Wahl.
Manche Götterbrust quillt Nahrung Daß man nicht die Wollust wählt, Untersaget bloß Erfahrung, Die der Höfe keinem fehlt. Trocken findet man die Musen, Ernsthaft die Vernunft und alt, Bis ein Labsal ihm am Busen Der erkornen Hofnung wallt.
Sich unziemlich übergangen Wähnt vor allen Lüsternheit, Blickt auf Amorn mit Verlangen, Auf die Amme voller Neid, Und begehrt - die schlaue! siegen Muß sie oder selbst vergehn! - Das erlauchte Kind zu wiegen Und die Hofnung läßts geschehn.
Aber Amor ohn Erbarmen Schlummert nie und plaget stets. Und sie flehet: »weichern Armen Ueberlaß ihn!« - und erflehts. Zuckerbrot mit vollen Händen Reicht die Pflegerin ihm dar, Und sein Leben schnell zu enden, Läuft der lüsterne Gefahr.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Amors Amme" von Heinrich Christian Boie erzählt die Geschichte von Amor, dem Gott der Liebe, und seiner Amme. Das Gedicht beginnt mit der Ankunft Amors auf der Insel Cythere, wo ein großes Fest gefeiert wird. Venus, die Mutter Amors, möchte ihn stillen, aber Amor ist bereits ein Kind und interessiert sich mehr für die Reize des Gefäßes als für die Milch. Daher will ihm keine Milch gedeihen. Die Göttin sucht Rat bei ihrem Hof, um Amor zu ernähren, aber nicht alle sind bereit, ihre Milch zu spenden. Viele Heldentöchter und Göttinnen sowie die Tugenden treten an, um die Ehre zu erlangen, Amor zu stillen. Doch die Musen sind trocken, die Vernunft ernsthaft und alt. Schließlich findet sich eine Amme, die bereit ist, ihre Milch zu geben. Die Amme fühlt sich unziemlich übergangen und blickt auf Amor mit Verlangen und auf die Amme mit Neid. Sie möchte das erlauchte Kind wiegen und die Hofnung lässt es geschehen. Doch Amor plagt die Amme unerbittlich und sie fleht, ihn in die Arme einer anderen Pflegerin zu geben. Diese reicht ihm Zuckerbrot, um sein Leben schnell zu beenden, und er läuft der lüsternen Gefahr entgegen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Trocken findet man die Musen, ernsthaft die Vernunft und alt.
- Bildsprache
- Zuckerbrot mit vollen Händen reicht die Pflegerin ihm dar.
- Hyperbel
- Manche Götterbrust quillt Nahrung, dass man nicht die Wollust wählt.
- Ironie
- Die schlaue Lüsternheit begehrt das erlauchte Kind zu wiegen und die Hofnung lässsts geschehen.
- Kontrast
- Trocken findet man die Musen, ernsthaft die Vernunft und alt, bis ein Labsal ihm am Busen der erkornen Hofnung wallt.
- Metapher
- Das 'Zuckerbrot' steht für die Versuchung und die Gefahr.
- Personifikation
- Venus lässt sich die Ehre nicht nehmen, ihn zu stillen.
- Symbolik
- Das 'Gefäß' symbolisiert die weibliche Brust und die Anziehungskraft.