Amor und Psyche auf einem Grabmal

Johann Gottfried von Herder

1795

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben Auf Erden hier. Wie Schatten auf den Wogen schweben Und schwinden wir Und messen unsre trägen Tritte Nach Raum und Zeit; Und sind (und wissen′s nicht) in Mitte Der Ewigkeit.

Nach manchem voller Müh und Sehnen Verseufzten Jahr Umarmte sich in frohen Thränen Ein liebend Paar. Der Mond sah freundlich auf sie nieder; Ein zarter Ton Aus allen Büschen hallte wider: “Endymion!

Ach, daß uns ewig, ewig bliebe Der Augenblick! Im ersten holden Kuß der Liebe, Das reinste Glück!” Verstummend, halbvollendet weilte Das süße Wort; Die Seel′ auf Beider Lippen eilte, Sie eilte fort.

Denn sieh, ein Engel schwebte nieder Zu ihrem Kuß (Gold, himmelblau war sein Gefieder), Ihr Genius. Berührend sie mit sanftem Stabe, Sprach er: “Erhört Ist Euer Wunsch. Dort überm Grabe Liebt ungestört!”

Entschwungen auf dem Hauch der Liebe, Im reinsten Glück, Gewiß, daß ihnen ewig bliebe Der Augenblick, Auf amaranthnen Auen schwebte Das holde Paar Mit Allem, was je liebt′ und lebte Und glücklich war.

Mit Allem, was in Wunsch und Glauben Sich je erfreut, Genossen sie in vollen Trauben Unsterblichkeit. Des Weltalls süße Symphonieen Umtönten sie; Der Liebe süße Harmonieen Durchwallten sie.

“Wollt Ihr zurück in jene Ferne Auf Euer Grab?” Sie sahn vom Himmel goldner Sterne Zur Erd′ hinab. “O Genius, die Zeit danieden Ist träge Zeit; Ein Augenblick hier giebt uns Frieden Der Ewigkeit.”

Sahst Du auf jenem Grabeshügel Die Liebenden? Der erste Kuß gab ihnen Flügel, Den Seligen. Und daß ein Bild von ihnen bliebe Im ew′gen Kuß, Verewigte hier Seel′ und Liebe Der Genius.

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Illustration zu Amor und Psyche auf einem Grabmal

Interpretation

Das Gedicht "Amor und Psyche auf einem Grabmal" von Johann Gottfried von Herder beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und der Sehnsucht nach ewiger Liebe. Herder vergleicht das Leben mit einem Traum, in dem die Menschen wie Schatten auf den Wogen schweben und sich nach Raum und Zeit messen, ohne zu wissen, dass sie sich inmitten der Ewigkeit befinden. In der zweiten Strophe wird ein liebendes Paar vorgestellt, das nach mühsamen Jahren voller Sehnsucht in einem Moment des Glücks in Tränen ausbricht. Der Mond und die Natur scheinen diesen Moment zu feiern, indem sie ein Echo von "Endymion" erklingen lassen. Das Paar wünscht sich, dass dieser Augenblick der Liebe ewig währen möge, doch das Schicksal greift ein. Ein Engel, der als ihr Genius erscheint, berührt das Paar mit einem sanften Stab und erfüllt ihren Wunsch. Sie schweben auf den Flügeln der Liebe auf amaranthnen Auen und genießen die Unsterblichkeit gemeinsam mit allem, was je liebte und glücklich war. Die süßen Symphonien des Weltalls und die Harmonien der Liebe umgeben sie. In der letzten Strophe wird das Paar gefragt, ob es zurück auf sein Grab möchte. Sie blicken vom Himmel auf die Erde hinab und erkennen, dass die Zeit dort träge ist. Ein Augenblick im Himmel gibt ihnen den Frieden der Ewigkeit. Das Gedicht endet mit der Betrachtung des Betrachters, der die Liebenden auf dem Grabeshügel sieht und erkennt, dass der erste Kuss ihnen Flügel gab und der Genius ihre Seele und Liebe verewigte.

Schlüsselwörter

kuß liebe zeit ewig bliebe augenblick süße genius

Wortwolke

Wortwolke zu Amor und Psyche auf einem Grabmal

Stilmittel

Alliteration
Seel′ auf Beider Lippen eilte
Allusion
Endymion
Anapher
Ewig, ewig bliebe
Enjambement
Verstummend, halbvollendet weilte Das süße Wort; Die Seel′ auf Beider Lippen eilte, Sie eilte fort.
Hyperbel
Ein Augenblick hier giebt uns Frieden Der Ewigkeit
Kontrast
Die Zeit danieden Ist träge Zeit; Ein Augenblick hier giebt uns Frieden Der Ewigkeit
Metapher
Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Personifikation
Der Mond sah freundlich auf sie nieder
Symbolik
Gold, himmelblau war sein Gefieder
Vergleich
Wie Schatten auf den Wogen schweben