Amor betrogen
1584Cupido einmal sehr verdrossen, daß er hat so vil pfeil umsunst auf meine Myrta los geschossen, die niemals achtet seiner kunst, erwählet, ihre zarte schoß zu wunden, zornig, ein geschoß.
Also flog er bald in den garten, da er dieselb zu sein gedacht, und nehmend war von fern der zarten, die ihn in dise welt gebracht, »wolan, sprach er, nu soll dein blut recht büßen, Myrta, deinen mut.«
Er spannet, unweis, seinen bogen, und, zilend auf das herz ohn gnad, schoß er ihn plötzlich los, betrogen, in seiner mutter brust gerad, darauf dan ein elender schmerz vergiftet bald der göttin herz.
»Ach weh! was magst du wol gedenken, sprach sie, undankbar böser knab? wie kanst so tödlich du bekränken die, welche dir das leben gab? und sparest gleichwol deine macht noch wider die, die dich verlacht.«
Die red so sehr das kind erschrecket, daß es bald seine wängelein mit heißen zähern überdecket und schrie: »Ach, liebes mütterlein, verzeihet mir, dan ich nam euch für Myrta, deren ihr gar gleich.«
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Interpretation
Das Gedicht "Amor betrogen" von Georg Rodolf Weckherlin erzählt die Geschichte von Cupido, der in seinem Zorn auf die unerreichbare Myrta einen Pfeil abschießt. Sein Ziel ist es, Myrtas zarte Brust zu verletzen, da sie seine Kunst ignoriert. Doch in seiner Eile und Verärgerung irrt er sich und trifft stattdessen seine eigene Mutter, die Göttin der Liebe. Dies führt zu einem schmerzhaften und vergiftenden Schmerz in ihrem Herzen. Die Mutter, schockiert über die Tat ihres undankbaren Sohnes, tadelt ihn für seinen tödlichen Angriff auf diejenige, die ihm das Leben gab. Sie fragt sich, wie er es wagen kann, sie so schwer zu kränken, während er gleichzeitig seine Macht gegen diejenige verschont, die ihn verlacht. Diese Szene verdeutlicht die Ironie und die unbeabsichtigten Folgen von Cupidos Handeln. Überwältigt von Reue und Angst bedeckt Cupido sein Gesicht mit heißen Tränen und bittet seine Mutter um Verzeihung. Er erklärt, dass er sie mit Myrta verwechselt habe, da sie ihr so ähnlich sehe. Dieses Gedicht illustriert Themen wie unbeabsichtigte Konsequenzen, mütterliche Liebe und die Komplexität menschlicher Emotionen, verpackt in einer Erzählung über mythologische Figuren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wider die, die dich verlacht
- Anapher
- noch wider die, die dich verlacht
- Hyperbel
- ein elender schmerz vergiftet bald der göttin herz
- Kontrast
- die, welche dich verlacht
- Metapher
- deren ihr gar gleich
- Personifikation
- Cupido einmal sehr verdrossen
- Rhetorische Frage
- undankbar böser knab