Am zweiten Sonntage im Advent

Annette von Droste-Hülshoff

1841

Evang.: Von Zeichen an der Sonne

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn Soll tragen? Seh′ ich das Morgenrot im Osten schon Nicht leise ragen? Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich; Ich seh′ es flimmern, aber bleich, ach, bleich!

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt Entzündet, Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt Sich wohl entbindet Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

So muß die allerkühnste Phantasie Ermatten; So in der Mondesscheibe sah ich nie Des Berges Schatten, Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog, Ob eine Träne mich im Auge trog.

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich – Ein Schemen! Mein Sinnen sonder Kraft! – Gedanke bleich. Wer will mir nehmen Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand! Steig nieder Und zünde an des Glaubens reinem Brand Dein Döchtlein wieder, Die arme Lampe, deren matter Hauch Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton, Mit Kräften, Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn In allen Säften, O bade deinen wüsten Fiebertraum Im einz′gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind Dir sendet Die Macht, so wetterleuchtet und verneint, Und starr gewendet Wie zum Polarstern halt das Eine fest, Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn Erkennen, Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern, Und zitternd nennen Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark, Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand, Erschauen Magst du den Heiland und der Seele Brand Gleich dem Vertrauen. Zerfallen mögen Erd′ und Himmelshöhn, Doch seine Worte werden nicht vergehn.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Am zweiten Sonntage im Advent

Interpretation

Das Gedicht "Am zweiten Sonntag im Advent" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert die Sehnsucht nach dem Wiederkommen Christi und die Zweifel des lyrischen Ichs an der Erkennbarkeit der Zeichen seiner Ankunft. Die Sprecherin fragt, wo die Wolke bleibe, die den Menschensohn tragen soll, und zweifelt an der Deutbarkeit des Morgenrots als Zeichen. Das lyrische Ich reflektiert über die Begrenztheit der eigenen Phantasie und die Unsicherheit bei der Interpretation von Zeichen. Es vergleicht seine Gedanken mit einem flackernden Flammen, das unsicher im grauen Dunst schwankt. Die Sprecherin gesteht ein, dass selbst die kühnste Phantasie ermüdet und dass sie sich nicht sicher sein kann, ob sie einen Koloß oder nur eine Träne in ihrem Auge gesehen hat. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zur Demut und zum Glauben. Das lyrische Ich fordert seinen Verstand auf, sich zu fügen und die Lampe des Glaubens wieder anzuzünden. Es ruft dazu auf, sich im einzigen Quell zu baden, der ohne Schlamm und Schaum ist, und das Wort Gottes festzuhalten. Nur so werde das lyrische Ich seinen Herrn auf der Wolke erkennen und die Worte Christi als das Leben selbst erfahren.

Schlüsselwörter

gleich bleich wort wolke seh sinnen brand worte

Wortwolke

Wortwolke zu Am zweiten Sonntage im Advent

Stilmittel

Alliteration
Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt Entzündet
Bildsprache
Zerfallen mögen Erd′ und Himmelshöhn, Doch seine Worte werden nicht vergehn
Hyperbel
So muß die allerkühnste Phantasie Ermatten
Metapher
Und heute schon, es steht in Gottes Hand, Erschauen Magst du den Heiland
Personifikation
Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind Dir sendet Die Macht, so wetterleuchtet und verneint
Symbolik
Sein Wort, sein heilig Wort
Vergleich
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt Sich wohl entbindet Ein Flämmchen