Am Walde

Eduard Mörike

1804

Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage, Dem Kukuk horchend, in dem Grase liegen; Er scheint das Tal gemaechlich einzuwiegen Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.

Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage, Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fuegen, Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen, Wo ich auf eigne Weise mich behage.

Und wenn die feinen Leute nur erst daechten, Wie schoen Poeten ihre Zeit verschwenden, Sie wuerden mich zuletzt noch gar beneiden.

Denn des Sonetts gedraengte Kraenze flechten Sich wie von selber unter meinen Haenden, Indes die Augen in der Ferne weiden.

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Interpretation

Das Gedicht "Am Walde" von Eduard Mörike ist ein lyrisches Werk, das die tiefe Verbundenheit des lyrischen Ichs mit der Natur und seine Distanzierung von der Gesellschaft zum Ausdruck bringt. In der ersten Strophe schildert der Dichter einen idyllischen Nachmittag am Waldrand, wo er dem Ruf des Kuckucks lauscht und sich im Gras ausruht. Die Natur wird als friedlicher und harmonischer Ort dargestellt, der das Tal in einen beruhigenden Schlaf wiegt. In der zweiten Strophe kontrastiert der Dichter die Erholung in der Natur mit den "Fratzen der Gesellschaft", die er als seine "schlimmste Plage" empfindet. Der Wald wird als ein Ort der Zuflucht und des Rückzugs vor den Zwängen und Erwartungen der Gesellschaft beschrieben. Hier kann sich das lyrische Ich nach seiner eigenen Art und Weise wohlfühlen und der gesellschaftlichen Anpassung entgehen. Die dritte Strophe enthält eine ironische Anspielung auf die Gesellschaft, die das "verschwenderische" Leben der Dichter möglicherweise beneiden würde, wenn sie die Schönheit und den Genuss ihrer Arbeit erkannte. In der letzten Strophe beschreibt der Dichter den kreativen Prozess des Verfassens von Sonetten, der ihm scheinbar mühelos von der Hand geht, während seine Augen in die Ferne schweifen. Dies verdeutlicht die tiefe Inspiration und den kreativen Flow, den er in der Natur erfährt.

Schlüsselwörter

waldsaum kann lange nachmittage kukuk horchend grase liegen

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Stilmittel

Bildsprache
Indes die Augen in der Ferne weiden
Hyperbel
Wo ich auf eigne Weise mich behage
Kontrast
Und wenn die feinen Leute nur erst daechten, Wie schoen Poeten ihre Zeit verschwenden
Metapher
Des Sonetts gedraengte Kraenze flechten
Personifikation
Er scheint das Tal gemaechlich einzuwiegen