Am vierten Sonntage im Advent
1797Ev.: Vom Zeugnisse Johannes.
Sie fragten: »Wer bist du?« - und er bekannte und leugnete nicht: “Ich bin eine Stimme des Rufenden in der Wüste. - Ich taufe euch mit Wasser, aber er steht mitten unter euch, den ihr nicht kennt.”
Fragst du mich, wer ich bin? Ich berg′ es nicht: Ein Wesen bin ich sonder Farb′ und Licht, Schau mich nicht an; dann wendet sich dein Sinn; Doch höre! höre! höre! denn ich bin Des Rufers in der Wüste Stimme.
In Nächten voller Pein kam mir das Wort Von ihm, der Balsam sät an Sumpfes Bord, Im Skorpion der Heilung Öl gelegt, Dem auch der wilde Dorn die Rose trägt, Das faule Holz entzündet sein Geglimme.
So senke deine Augen und vernimm Von seinem Herold deines Herren Grimm, Und seine Gnade sei dir auch bekannt, Der Wunde Heil, so wie der schwarze Brand, Wenn seiner Adern Bluten hemmt der Schlimme.
Merk au! ich weiß es, daß in härtster Brust Doch schlummert das Gewissen unbewußt; Merk auf, wenn es erwacht, und seinen Schrei Ersticke nicht, wie Mütter sonder Treu′ Des Bastards Wimmern und sein matt Gekrümme!
Ich weiß es auch, daß in der ganzen Welt Dem Teufel die Altäre sind gestellt, Daß mancher kniet, demütig nicht gebeugt, Und überm Sumpfe, engelgleich und leicht Der weiße Lotos wie ein Kindlein schwimme.
Es tobt des tollen Strudels Ungestüm Und zitternd fliehen wir das Ungetüm, Still liegt der Sumpf und lauert wie ein Dieb, Wir pflücken Blumen und es ist uns lieb Zu schaun des Irrlichts tanzendes Geflimme.
Drum nicht vor dem Verruchten sei gewarnt; Doch wenn dich süßer Unschuld Schein umgarnt, Dann lächelt der Vampyr, dann fahr zurück Und senke tief, o tief in dich den Blick, Ob leise quellend die Verwesung klimme!
Ja, wo dein Aug′ sich schaudernd wenden mag, Da bist du sicher mindstens diesen Tag, Doch gift′ger öfters ist ein Druck der Hand, Die weiche Träne und der stille Brand, Den Lorbeer treibend aus Vulkanes Grimme.
Ich bin ein Hauch nur, achtet nicht wie Tand Mein schwaches Wehn, um des der mich gesandt. Erwacht! erwacht! ihr steht in seinem Reich; Denn sehet, er ist mitten unter euch, Den ihr verkennt, und ich bin seine Stimme!
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Interpretation
Das Gedicht "Am vierten Sonntage im Advent" von Annette von Droste-Hülshoff ist eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Natur, die Versuchung und die Rolle des Herolds Johannes des Täufers. Die Sprecherin, die sich selbst als eine "Stimme des Rufenden in der Wüste" bezeichnet, fordert den Leser auf, über die Oberfläche hinauszuschauen und die tieferen Wahrheiten des Lebens zu erkennen. Sie warnt vor den Gefahren, die in scheinbarer Unschuld und Schönheit lauern, und betont die Notwendigkeit der Selbstreflexion und des Bewusstseins für die eigene Verderbtheit. Die Bildsprache des Gedichts ist reich an Naturmetaphern, die die Komplexität der menschlichen Seele und die Dualität von Gut und Böse illustrieren. Die Sprecherin beschreibt, wie selbst in den dunkelsten Nächten die Hoffnung auf Heilung und Erlösung besteht, symbolisiert durch das Öl, das dem Skorpion aufgelegt wird, und die Rose, die aus dem wilden Dorn wächst. Diese Bilder vermitteln die Botschaft, dass selbst in den schlimmsten Umständen die Möglichkeit der Transformation und des Wachstums besteht. Abschließend ruft die Sprecherin den Leser dazu auf, aufzuwachen und die Gegenwart des Göttlichen inmitten der Welt zu erkennen. Sie betont, dass Johannes der Täufer nur ein Bote ist, dessen Aufgabe es ist, den Weg für den Herrn zu bereiten. Die Wiederholung des Wortes "erwacht" unterstreicht die Dringlichkeit dieser Botschaft und die Notwendigkeit, sich der spirituellen Realität bewusst zu werden, die uns umgibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Erwacht! erwacht!
- Hyperbel
- Der weiße Lotos wie ein Kindlein schwimme
- Metapher
- Ein Hauch nur
- Personifikation
- Das faule Holz entzündet sein Geglimme
- Symbolik
- Der weiße Lotos
- Vergleich
- Wie Mütter sonder Treu′ Des Bastards Wimmern