Am Strande

Detlev von Liliencron

1909

Der lange Junitag war heiß gewesen. Ich saß im Garten einer Fischerhütte, Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen, Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen In bäurisch buntem Durcheinander prunken. Es war die Nacht schon im Begriff dem Tage Die Riegel vorzuschieben; stiller ward Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich In hoher Luft; und aus der Nähe schlug Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn. Im Gutenacht der Sonne blinkerten Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel, Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten. Den Strom hinab glitt feierlich und stumm, Gleich einer Königin, voll hoher Würde, Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn. Sie alle winken ihre letzten Grüße Den letzten Streifen ihrer Heimat zu. In manchen Bart mag nun die Mannesträne, So selten sonst, unaufgehalten tropfen. In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß Der Lebenswellen hart und starr geworden, Klingt einmal noch ein altes Kinderlied. Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land! Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen, Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen, Und für sich selbst dem andern. Jeder so Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen, Die, allzuschwer, ihn in die Tiefe zieht. Geboren werden, leiden dann und sterben, Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben. Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht, Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft, Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden. Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben: Vom sichern Sitze des Amphitheaters In die Arena lächelnd niederschaun, Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird Vom Tigertier der Armut und der Schulden…

Das Schiff ist längst getaucht in tiefe Dunkel. Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom, Indessen auf der Kegelbahn im Dorf Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen. In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund, Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.

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Illustration zu Am Strande

Interpretation

Das Gedicht "Am Strande" von Detlev von Liliencron beschreibt einen ruhigen Sommerabend an einem Strand. Der Erzähler sitzt in einem Garten einer Fischerhütte und beobachtet die umgebende Natur. Die Atmosphäre ist friedlich, mit blühenden Blumen und schweigenden Schwalben. In der Ferne ist das Geräusch einer Kegelbahn zu hören. Plötzlich erscheint ein großes Schiff auf dem Fluss, das feierlich und majestätisch vorbeigleitet. Auf dem Vorderdeck stehen Menschen dicht gedrängt und winken ihren letzten Grüßen ihrer Heimat zu. Der Erzähler reflektiert über die verschiedenen Schicksale der Menschen auf dem Schiff - einige mögen von Heimweh geplagt sein, während andere sich auf ein neues Leben im gelobten Land freuen. Die Pflicht ruft sie dazu auf, zu leben und zu kämpfen, für sich selbst und für ihre Liebsten. Doch der Erzähler zweifelt an der Möglichkeit, das ersehnte Glück zu finden. Er beschreibt das Leben als eine Arena, in der die Menschen von der Armut und den Schulden zerrissen werden. Das Glück wird als Gold definiert, das ein ruhiges Leben ermöglicht, in dem man von oben auf das Geschehen herabblickt. Das Gedicht endet mit der Rückkehr zur Ruhe und Stille des Abends, begleitet von den Geräuschen eines bellenden Hundes und einer knarrenden Wiege im Nachbarhaus.

Schlüsselwörter

leben hoher kegelbahn strom kopf letzten längst vorwärts

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Stilmittel

Hyperbel
Den Riesenschiff
Personifikation
Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom
Symbolik
Das Amphitheaters
Vergleich
Gleich einer Königin, voll hoher Würde