Am See
1810Aachen, im August 1815.
Und wenn ich hier am Wasser steh′, In diesem klaren Spiegel seh′ Den Himmel und die Bäume, So zieht mich′s wol hinab, hinab, Gern sänken in das feuchte Grab Die Sehnsucht und die Träume.
Doch ist es nur ein eitler Wahn, Dein eigen Bildniß schaust du an. Und all das Sterngefunkel, Mag′s locken dich zu Lust und Kuß, Steig′ nicht hinab zum kalten Fluß, Denn unten ist es dunkel.
Doch wenn ich vor der Liebsten steh′ Ihr in die klaren Augen seh′, Das ist kein Traum, kein Wähnen. Du mildes, frommes Angesicht, Du Himmelsblick, du reines Licht, Du täuschest nicht mein Sehnen.
Es ist nicht mehr mein armes Ich, Das eitel in dem Spiegel sich, Nur ewig sich beschauet: Ein zweites Leben, das mir blüht, Ein beßres, dran sich mein Gemüth In Ewigkeit erbauet.
O süßer Bund von Ich und Du, Nun fließe hin in Lust und Ruh Mein liebes, schönes Leben! O starker Bund von Eins und Zwei, Daraus wird sich der heil′gen Drei Vollkommne Zahl erheben.
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Interpretation
Das Gedicht "Am See" von Max von Schenkendorf ist ein tiefgründiges Werk, das sich mit den Themen Sehnsucht, Selbstreflexion und der Suche nach wahrer Erfüllung auseinandersetzt. Der Dichter beschreibt eine Szene am See, in der er sein eigenes Spiegelbild und die umgebende Natur betrachtet. Die erste Strophe vermittelt eine melancholische Stimmung, da der Dichter den Wunsch verspürt, in das Wasser zu sinken und seine Sehnsucht und Träume zu begraben. Doch in der zweiten Strophe warnt er sich selbst davor, von den trügerischen Spiegelungen und dem "Sterngefunkel" verführt zu werden, da der Fluss unten dunkel und kalt ist. Die dritte Strophe bringt eine Wende im Gedicht, als der Dichter vor seiner Geliebten steht und in ihre klaren Augen blickt. Hier erkennt er, dass dies keine Illusion ist, sondern eine echte, tiefe Verbindung. Das Gesicht der Geliebten wird als "mildes, frommes Angesicht" und "reines Licht" beschrieben, das nicht täuscht, sondern das Sehnen des Dichters erfüllt. In der vierten Strophe geht es um die Auflösung des egozentrischen Selbst, das sich nur in seinem eigenen Spiegelbild betrachtet. Stattdessen findet der Dichter ein "zweites Leben", das ihm Hoffnung und Erbauung gibt. Die letzte Strophe feiert die Vereinigung von "Ich und Du" und die daraus entstehende "heilige Drei". Dies könnte als Anspielung auf die christliche Trinität interpretiert werden, die die Vollkommenheit und Vollständigkeit symbolisiert. Das Gedicht endet mit dem Wunsch nach ewiger Lust und Ruhe in dieser vollkommenen Verbindung. Insgesamt ist "Am See" ein poetisches Plädoyer für die Überwindung der Einsamkeit und die Suche nach einer tieferen, spirituellen Erfüllung durch die Liebe und die Verbindung mit einem anderen Menschen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Die 'heilige Drei' bezieht sich auf die christliche Trinität und symbolisiert Vollkommenheit und göttliche Einheit.
- Gegenüberstellung
- Der Kontrast zwischen dem eitlen Selbstbild im Spiegel und der wahren, tröstlichen Gegenwart der Liebsten.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen dem verlockenden Sternenglanz und der Warnung, nicht in den kalten Fluss hinabzusteigen.
- Metapher
- Das 'zweite Leben' und das 'bessere' werden als etwas beschrieben, das dem Herzen ewige Freude bereitet.
- Personifikation
- Die Sehnsucht und die Träume werden personifiziert, indem sie als etwas beschrieben werden, das in das 'feuchte Grab' sinken könnte.
- Symbolik
- Der 'süße Bund von Ich und Du' symbolisiert die Einheit und das Zusammenkommen zweier Personen.