Am See

Luise Büchner

1837

Leise wie ein Traumgesicht Hält Erinn′rung mich umfangen, Leise, wie die Morgenluft Mir umspielet Stirn und Wangen.

Und der klare, blaue See Blickt mich an wie Menschenaugen, Daß ich möchte tief hinab Mich in seine Fluthen tauchen.

Und der Alpenspitzen Glanz Blickt mich an wie Menschenherzen, Die so schroff und eisig kalt Lohnen dem mit tausend Schmerzen,

Der sich ihnen froh genaht, Da im ros′gen Alpenglühen Sie, von fremdem Licht umstrahlt, Schienen lebenswarm zu blühen.

O, Erinn′rung! flieh′ hinweg Von den falschen Alpenhöhen, Wasche in der blauen Fluth Dich gesund von allen Wehen!

Such′ in ihrem feuchten Glanz Jener Augen treue Klarheit, Die du frei noch lieben kannst, Und die stets dir blickten Wahrheit!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Am See

Interpretation

Das Gedicht "Am See" von Luise Büchner handelt von der Erinnerung und ihrer täuschenden Natur. Die Erzählerin fühlt sich von der Erinnerung umfangen, die so leise wie ein Traumgesicht oder die Morgenluft ist. Der klare, blaue See blickt sie an wie Menschenaugen, und sie sehnt sich danach, in seine Fluten einzutauchen. Die Alpenspitzen strahlen wie Menschenherzen, die kalt und eisig erscheinen, obwohl sie im Alpenglühen warm und lebendig wirken. Die Erzählerin fordert die Erinnerung auf, von den falschen Alpenhöhen zu fliehen und sich in der blauen Flut gesund zu waschen. Sie soll in deren feuchtem Glanz die treue Klarheit jener Augen suchen, die sie noch frei lieben kann und die ihr stets die Wahrheit gesagt haben. Das Gedicht thematisiert die Sehnsucht nach Echtheit und Wahrheit in einer Welt, die oft täuschend und unzuverlässig ist. Die Naturbilder des Sees und der Alpen dienen als Metaphern für die menschlichen Emotionen und Beziehungen.

Schlüsselwörter

leise erinn rung blickt glanz traumgesicht hält umfangen

Wortwolke

Wortwolke zu Am See

Stilmittel

Hyperbel
[mit tausend Schmerzen]
Metapher
[Leise wie ein Traumgesicht Leise, wie die Morgenluft Und der klare, blaue See / Blickt mich an wie Menschenaugen Und der Alpenspitzen Glanz / Blickt mich an wie Menschenherzen]
Personifikation
[Leise wie ein Traumgesicht / Hält Erinn′rung mich umfangen Und der klare, blaue See / Blickt mich an wie Menschenaugen Und der Alpenspitzen Glanz / Blickt mich an wie Menschenherzen die stets dir blickten Wahrheit]
Symbolik
[Und der klare, blaue See Und der Alpenspitzen Glanz O, Erinn′rung! flieh′ hinweg / Von den falschen Alpenhöhen]