Am Rheine schweb ich her und hin...

Clemens Brentano

1834

Am Rheine schweb ich her und hin Und such den Frühling auf So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn Wer wiegt sie beide auf.

Die Berge drängen sich heran, Und lauschen meinem Sang, Sirenen schwimmen um den Kahn, Mir folget Echoklang.

O halle nicht, du Widerhall, O Berge kehrt zurück, Gefangen liegt so eng und bang Im Herzen Liebesglück.

Sirenen tauchet in die Flut, Mich fängt nicht Lust nicht Spiel, Aus Wasserskühle trink ich Glut, Und ringe froh zum Ziel.

O wähnend Lieben, Liebes Wahn, Allmächtiger Magnet, Verstoße nicht des Sängers Kahn, Der stets nach Süden geht.

O Liebes Ziel so nah so fern, Ich hole dich noch ein, Die Frommen führt der Morgenstern, Ja all zum Krippelein.

Geweihtes Kind erlöse mich, Gib meine Freude los, Süß Blümlein ich erkenne dich, Du blühest mir mein Los,

In Frühlingsauen sah mein Traum Dich Glockenblümlein stehn, Vom blauen Kelch zum goldnen Saum, Hab ich zu viel gesehn,

Du blauer Liebeskelch in dich Sank all mein Frühling hin, Vergifte mich, umdüfte mich, Weil ich dein eigen bin.

Und schließest du den Kelch mir zu Wie Blumen abends tun, So lasse mich die letzte Ruh Zu deinen Füßen ruhn.

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Illustration zu Am Rheine schweb ich her und hin...

Interpretation

Das Gedicht "Am Rheine schweb ich her und hin" von Clemens Brentano thematisiert die Sehnsucht nach Liebe und die innere Zerrissenheit zwischen schwerem Herzen und leichtem Sinn. Der lyrische Ich wandert entlang des Rheins auf der Suche nach dem Frühling, symbolisch für Erneuerung und Liebe. Die Natur, vertreten durch Berge, Sirenen und den Fluss, reagiert auf den Gesang des Ichs, was die tiefe Verbundenheit des lyrischen Ichs mit der Umwelt verdeutlicht. Die Sirenen und der Widerhall des Gesangs spiegeln die unerfüllte Liebe wider, die das Herz des Ichs gefangen hält und nach Freiheit sehnt. In den folgenden Strophen intensiviert sich die Suche nach Liebe und Erfüllung. Das lyrische Ich bittet um Erlösung von der "wiederkäuenden Liebe", die es gefangen hält, und fleht den "allmächtigen Magnet" an, nicht seinen Kahn zu stoßen, der stets nach Süden, dem Symbol für Wärme und Geborgenheit, strebt. Die Erwähnung des "Krippelein" und des "geweihten Kindes" lässt eine religiöse Komponente erkennen, die auf die Erlösung durch göttliche Liebe und Gnade hindeutet. Die Glockenblume im Traum des Ichs symbolisiert die ersehnte Liebe, die sowohl Schönheit als auch Gefahr birgt, wie das Gift und der Duft der Blume. Im abschließenden Teil des Gedichts kulminiert die Sehnsucht in der Bitte an die Glockenblume, das lyrische Ich zu vergiften oder zu duften, da es ihr eigen ist. Die Metapher des schließenden Kelchs der Blume am Abend symbolisiert den Tod, in den sich das Ich sehnt, um in der letzten Ruhe zu den Füßen der Geliebten zu liegen. Das Gedicht endet mit einer Verschmelzung von Liebe, Natur und religiöser Erlösung, wobei die Glockenblume als zentrales Symbol für die ersehnte, aber auch gefährliche Liebe steht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Zu deinen Füßen ruhn
Personifikation
Und schließest du den Kelch mir zu