Am Rhein

Max von Schenkendorf

1783

Den 26. October 1814.

Ich bin herausgekommen, Von Worms, der alten Stadt, Ich habe wohl vernommen, Daß es gerufen hat.

Am Ufer dort, am rechten, Erscheint ein Mädchenpaar; Da weht in langen Flechten Ein goldnes Lockenhaar.

Und hier am grünen Flusse Die Stadt so wonnesam, Zu der mit mildem Gruße Der milde Siegfried kam.

Was hat mich denn gezogen? Was klang in ferner Luft? O meldet, liebe Wogen, Wo ist Sie, die mich ruft?

Nicht hüben und nicht drüben, Von unten klingt′s herauf; Das Wünschen und das Lieben Nimmt hier nur tiefen Lauf.

Du hast es ja gehöret Das Lied nach weiser Kunst, Wie Siegfried ward bethöret Von süßer Frauengunst.

Um holden Schatz zu werben Kam er mit seinem Schatz, Zu werben und zu sterben Kam er an diesen Platz.

Tief unten in dem Grunde, Am feuchten, kühlen Ort, Da ruht noch diese Stunde Der Nibelungenhort.

So fließet nun ihr Wellen, Und deckt ihn ferner zu, Wenn Herzen sehnend schwellen, Singt sie in stille Ruh.

Ich trag′ ihn fort im Herzen Den rechten treuen Schatz, Da finden Lust und Schmerzen Für lange Jahre Platz.

Mich wird sie nicht verderben Die süße Frauengunst, Doch gerne will ich sterben In heil′ger Liebesbrunst.

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Illustration zu Am Rhein

Interpretation

Das Gedicht "Am Rhein" von Max von Schenkendorf erzählt von einer Reise entlang des Rheins, die von einer mysteriösen Einladung geleitet wird. Der Erzähler verlässt Worms, eine alte Stadt, nachdem er ein Rufen vernommen hat. Am rechten Ufer des Flusses erscheint ein Mädchenpaar, dessen goldene Locken im Wind wehen. Die Stadt am grünen Fluss wird als wunderschön beschrieben, an die Siegfried, eine milde Figur aus der germanischen Mythologie, einst mit freundlichen Grüßen kam. Die Interpretation des Gedichts deutet auf eine tiefe Sehnsucht und die Suche nach einer verlorenen Liebe hin. Der Erzähler fragt sich, was ihn zu diesem Ort gezogen hat und wer ihn gerufen hat. Die Antwort kommt von den Wellen, die sagen, dass die Liebe von unten kommt, aus der Tiefe. Dies bezieht sich auf das Lied von Siegfried, der von der Gunst einer Frau betört wurde und um einen wertvollen Schatz warb. Der Schatz, der sich auf den Nibelungenhort bezieht, ruht tief im Flussgrund, ein Symbol für die unerreichbare Liebe. Die letzten Strophen des Gedichts reflektieren über die ewige Natur der Liebe und des Schmerzes. Der Erzähler trägt den Schatz im Herzen und findet Platz für Lust und Schmerz für lange Jahre. Obwohl die süße Gunst der Frau ihn nicht verderben wird, ist er bereit, in heiliger Liebesbrunst zu sterben. Das Gedicht endet mit einem Aufruf an die Wellen, den Schatz weiterhin zu verbergen und in stiller Ruhe zu singen, wenn die Herzen sehnsüchtig schwellen.

Schlüsselwörter

kam schatz stadt rechten siegfried ferner unten frauengunst

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Nicht hüben und nicht drüben
Anspielung
Um holden Schatz zu werben Kam er mit seinem Schatz
Bildsprache
Tief unten in dem Grunde, Am feuchten, kühlen Ort
Hyperbel
Singt sie in stille Ruh
Kontrast
Da finden Lust und Schmerzen Für lange Jahre Platz
Metapher
Das Wünschen und das Lieben Nimmt hier nur tiefen Lauf
Personifikation
Da weht in langen Flechten Ein goldnes Lockenhaar
Symbolik
Der Nibelungenhort