Am Rhein

Anastasius Grün

1907

Das sind die Fluren gottgesegnet, Das ist der alte deutsche Rhein! Von der Gefährten Lippen regnet Kein andrer Reim als Wein und Wein!

Wie kommt’s, daß diesen nun ich fände, Den härt’sten von den Reimen all? Daß ich vom grünen Rebgelände Rückschau’ zum grauen Festungswall?

Dort mußt’ ich blüh’nde Rosenwangen Umrahmt von Kerkergittern sehn, Dort sah aus schwarzen Eisenstangen Ein blondes Jünglingshaupt ich spähn!

Wohl meint’ ich, daß am Fensterrande Ein süßer Blumenstrauß erblüht, Ich ahnte nicht, daß hier zu Lande In Kerkern Jugend man erzieht!

Wo Fesseln Jünglingshände drücken, Muß schlimm es mit den Alten stehn! Nach deren Armen möcht’ ich blicken, Ob Kettenspur nicht dran zu sehn?

Was hat das junge Volk verbrochen? Sein Fehler selbst ist schönheitreich! Vulkanen gleich, die Laven kochen, Sturzbächen, alpentquollnen, gleich.

Staunt im Vesuve Gottes Wunder, Pflanzt dran der süßen Reben Zaun! Doch wer hieß euch, so nah dem Zunder, Rings eure morschen Hütten baun?

Sonnt euch in Sturzbachs Farbenbogen! Doch euch zum Bade dient er schlecht; Vielleicht daß einst im Thal die Wogen Zu Bad und Rädertrieb gerecht!

Kann »Freiheit, Vaterland!« euch schrecken, Gejauchzt aus voller Jünglingsbrust? Der Riesengeist ist’s, den zu wecken, Doch nicht zu bannen ihr gewußt!

Traun, wo die Jugend will entwenden Der Alten Degen, scharf und blank, Wankt, statt des Schwerts, in greisen Händen Gewiß ein Binsenzepter schwank!

Und wo die Jugend, Rath zu halten, Sich drängt zum Senatorenstuhl, Da machten sich’s gewiß die Alten Vorerst bequem im Lotterpfuhl!

Und wenn von steilen Bergesspitzen Der Jugend Wort das Volk ermannt, Verkrochen längst in Thalespfützen Die Alten sich vorm Sonnenbrand.

Drum scheint’s, daß für der Alten Sünden Die Jugend fromm die Kette nahm: Im Kerker müßten Greis’ erblinden, Das Erz bräch’ ihre Hände lahm!

Drum tragt, ihr Jüngling’, ohne Schelten Das Eisenband aus Kindespflicht! In Wolken lebt kein Gott, vergelten Einst süß die eignen Söhn’ euch’s nicht!

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Illustration zu Am Rhein

Interpretation

Das Gedicht "Am Rhein" von Anastasius Grün thematisiert die Unterdrückung der Jugend durch die Alten und kritisiert die autoritäre Herrschaft. Der Dichter beschreibt seine Enttäuschung, als er am Rhein statt der erwarteten Idylle Kerker und gefangene Jugendliche vorfindet. Die Alten werden als schwach und feige dargestellt, die sich vor den Forderungen der Jugendlichen verstecken und sie stattdessen unterdrücken. Grün appelliert an die Jugend, die Unterdrückung aus Kindespflicht zu ertragen, da die Alten sonst unter den Konsequenzen ihrer eigenen Taten leiden würden. Das Gedicht ist eine Kritik an der autoritären Herrschaft und ein Appell an die Jugend, sich gegen die Unterdrückung zu wehren.

Schlüsselwörter

jugend alten kein wein sehn dran volk gleich

Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
In Wolken lebt kein Gott, vergelten Einst süß die eignen Söhn' euch's nicht!
Personifikation
Von der Gefährten Lippen regnet Kein andrer Reim als Wein und Wein!
Vulkanen gleich, die Laven kochen, Sturzbächen, alpentquollnen, gleich
Vulkanen gleich, die Laven kochen, Sturzbächen, alpentquollnen, gleich.