Am Morgen
1848Das Morgenrot schwimmt still entlang Den Wolkenozean; Den Gliedern zart mit Liebesdrang Schmiegt sich die Welle an. Ihm folgt die Sonn′ im Sphärenklang, Ein roter Flammenkahn; Ein lindes Rauschen grüßt den Tag: Ist es ihr Ruderschlag?
Und es erwachen mit Gezisch Die bunten Vögelein; Sie strecken keck aus dem Gebüsch Die Köpflein rund und klein Und tauchen in die Tauluft frisch Die feinen Glieder ein; Die Schnäblein üben sie zumal In Liedern ohne Zahl.
Und auch die Blumen senden früh Den leisen Duft ins Land; Um ihre Stirnen winden sie Ein hell Juwelenband. Das Spinnlein selbst mit großer Müh′ Braucht die geübte Hand; Es hat sein Netzlein reich gestrickt, Mit Perlenreihn geschmückt.
Ich sinne, wem solch heitres Fest Mag zubereitet sein, Und wem zu Liebe läßt sein Nest Das treue Vögelein. Da spricht zu mir der linde West Mit seinem Stimmlein fein: Bist du denn also hart und blind, Du töricht Menschenkind?
Was gehst du doch so stumm einher, Wo Alles Jubel singt? Was wandelst du so arm und leer, Wo Alles Gabe bringt, Daß selbst zu Gottes Lob und Ehr′ Vom Aug′ der Erde dringt Gar manche Träne, daß sie ganz Davon bedeckt mit Glanz?
Er ist es, den so minniglich Das Lied der Vögel trägt, Dem mit Gesang so inniglich Der Baum die Zweige regt, Für den die Sonne rings um sich Die Strahlenwimpel schlägt. All Herz tut sich ihm freudig auf: Wach auf, wach auf, wach auf!
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Interpretation
Das Gedicht "Am Morgen" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die Erweckung der Natur am frühen Morgen und fordert den Menschen auf, diese Schönheit wahrzunehmen und zu würdigen. Die ersten Strophen schildern die allmähliche Erhellung des Himmels durch die aufgehende Sonne, die wie ein "roter Flammenkahn" über den "Wolkenozean" gleitet. Die Tiere erwachen und beginnen ihren Gesang, während die Blumen ihren Duft verströmen und die Spinnen ihre kunstvollen Netze spannen. In der vierten Strophe wendet sich die lyrische Ich-Figur fragend an die Natur: Wem gilt dieses "heitre Fest"? Wem zu Liebe erheben sich die Vögel in ihr Nest? Die Antwort erhält sie vom "linden West" in Gestalt eines sanften Windes, der sie als "törichtes Menschenkind" beschimpft. Die Natur feiert und preist Gott, während der Mensch taub und blind durch die Welt geht. Die letzten Strophen verdeutlichen, dass die ganze Schöpfung aus Dankbarkeit und Anbetung Gott gegenüber erwacht. Die Vögel tragen ihr Loblied, die Bäume bewegen sich im Gesang, und die Sonne breitet ihre Strahlen wie Fahnen aus. Die lyrische Ich-Figur wird aufgefordert, ihre Augen und Ohren zu öffnen und an diesem Lobpreis teilzuhaben. Das Gedicht endet mit einem dreifachen Ruf "Wach auf!", der den Menschen zum Erwachen aus seiner Gleichgültigkeit und zum bewussten Erleben der Schönheit der Natur und der Gegenwart Gottes mahnt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Frage
- Was wandelst du so arm und leer, wo Alles Gabe bringt?
- Metapher
- Die Strahlenwimpel schlägt
- Personifikation
- All Herz tut sich ihm freudig auf