Am Meere
1815Nun nimm mich wieder an deine Brust, Mein altes, geliebtes Meer! Noch rollst du in Mut und Jugendluft, Wie da ich dich ließ, einher.
Mir tönt′s aus der brandenden Wogen Schwall Entgegen wie Freundeslaut; Als liebe Gespielen begrüß′ ich sie all, Die ich seit lang nicht geschaut.
Ich stürze hinein in die schäumende Flut; Mir jubelt die Seele mit ihr: Den Knaben, der einst ihr am Busen geruht, Erkennt sie freudig in mir.
Und wie das Naß, gegeißelt vom Nord, Die Brust und die Stirne mir kühlt, Fühl′ ich mir leise vom Herzen fort Den Rost des Lebens gespült.
Die Wangen umkost mir der wirbelnde Schaum, Es lacht ihn hinweg mein Mund; Bald schaukelt die Welle mich hoch auf dem Saum, Bald tauch′ ich hinab in den Schlund.
Hinaus! Ins Allunendliche hin! Das mißt′ ich so manches Jahr. Ja, altes geliebtes Meer, noch bin Ich derselbe, der einst ich war.
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Interpretation
Das Gedicht "Am Meere" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt die tiefe Verbundenheit des lyrischen Ichs mit dem Meer. Der Sprecher kehrt nach langer Zeit zurück an den Ozean und empfindet eine starke emotionale Anziehungskraft, die ihn dazu bringt, sich dem Meer wieder vollständig hinzugeben. Das Meer wird als vertraute, geliebte Entität dargestellt, die den Sprecher in einer Weise begrüßt, als wäre es ein alter Freund. In den folgenden Strophen taucht der Sprecher in die Brandung ein und fühlt eine tiefe Verbundenheit mit dem Element Wasser. Das Meer erkennt in ihm den Jungen wieder, der einst an seiner Brust geruht hat, was auf eine zeitlose, unveränderte Beziehung hindeutet. Die physische Erfahrung des kalten Wassers wird als reinigend und erneuernd empfunden, als würde es den "Rost des Lebens" von der Seele des Sprechers spülen. Das Gedicht endet mit einem Ausblick in die unendliche Weite des Meeres, das den Sprecher an seine eigene zeitlose Natur erinnert. Trotz der vergangenen Jahre fühlt sich der Sprecher immer noch als derselbe Mensch, der einst das Meer liebte. Die Wiederbegegnung mit dem Meer wird als eine Rückkehr zu einem unveränderlichen Kern des Selbst interpretiert, der unabhängig von der Zeit existiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- altes geliebtes Meer
- Metapher
- Das mißt' ich so manches Jahr
- Personifikation
- Die Welle mich hoch auf dem Saum
- Vergleich
- Als liebe Gespielen begrüß' ich sie all