Am letzten Tag des Jahres

Annette von Droste-Hülshoff

1851

Das Jahr geht um, Der Faden rollt sich sausend ab. Ein Stündchen noch, das letzte heut, Und stäubend rieselt in sein Grab, Was einstens war lebend’ge Zeit. Ich harre stumm.

’s ist tiefe Nacht! Ob wohl ein Auge offen noch? In diesen Mauern rüttelt dein Verrinnen, Zeit! Mir schaudert, doch Es will die letzte Stunde sein Einsam durchwacht,

Gesehen all, Was ich begangen und gedacht. Was mir aus Haupt und Herzen stieg, Das steht nun eine ernste Wacht Am Himmelstor, O halber Sieg! O schwerer Fall!

Wie reißt der Wind Am Fensterkreuze! Ja, es will Auf Sturmesfittichen das Jahr Zerstäuben, nicht ein Schatten still Verhauchen unterm Sternenklar. Du Sündenkind,

War nicht ein hohl Und heimlich Sausen jeder Tag In deiner wüsten Brust Verlies, Wo langsam Stein an Stein zerbrach, Wenn es den kalten Odem stieß Vom starren Pol?

Mein Lämpchen will Verlöschen, und begierig saugt Der Docht den letzten Tropfen Öl. Ist so mein Leben auch verraucht? Eröffnet sich des Grabes Höhl Mir schwarz und still?

Wohl in dem Kreis, Den dieses Jahres Lauf umzieht, Mein Leben bricht. Ich wußt’ es lang! Und dennoch hat dies Herz geglüht In eitler Leidenschaften Drang! Mir brüht der Schweiß

Der tiefsten Angst Auf Stirn und Hand. - Wie? dämmert feucht Ein Stern dort durch die Wolken nicht? Wär es der Liebe Stern vielleicht, Dir zürnend mit dem trüben Licht, Daß du so bangst?

Horch, welch Gesumm? Und wieder? Sterbemelodie! Die Glocke regt den ehrnen Mund. O Herr, ich falle auf das Knie: Sei gnädig meiner letzten Stund! Das Jahr ist um!

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Illustration zu Am letzten Tag des Jahres

Interpretation

Das Gedicht "Am letzten Tag des Jahres" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert die Vergänglichkeit der Zeit und das Ende eines Lebensabschnitts. Die Sprecherin reflektiert über das vergangene Jahr und ihr eigenes Leben, das sich dem Ende zuneigt. Sie wartet in tiefer Nacht auf das letzte Stündchen des Jahres und blickt auf ihr Tun und Lassen zurück. Die Zeit wird als "Sündenkind" bezeichnet, das in ihrer "wüsten Brust Verlies" ein hohles und heimliches Sausen erzeugt hat. Die Sprecherin fühlt sich von tiefer Angst erfüllt und fragt sich, ob ihr Leben wie eine erlöschende Lampe verraucht ist und sich ihr das Grab öffnen wird. Die Sprecherin ringt mit ihren Sünden und Fehlern, die wie Steine in ihrer Brust langsam zerfallen. Sie erkennt, dass ihr Leben innerhalb des Kreises dieses Jahres zu Ende geht, und bereut ihre eitle Leidenschaft. Doch dann entdeckt sie einen Stern am Himmel, der vielleicht der Stern der Liebe ist, und fragt sich, ob dieser ihr Trost spenden kann. Die Glocken läuten das Sterbemelodien und die Sprecherin fällt auf die Knie, um Gott um Gnade für ihre letzte Stunde zu bitten. Das Jahr geht zu Ende und mit ihm ein Lebensabschnitt, der von Vergänglichkeit, Reue und der Suche nach Erlösung geprägt war.

Schlüsselwörter

jahr will letzte zeit still stein letzten leben

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Stilmittel

Metapher
Sei gnädig meiner letzten Stund!
Personifikation
Die Glocke regt den ehrnen Mund