Am Letzten Tag des Jahres - Silvester
1797Das Jahr geht um, der Faden rollt sich sausend ab. Ein Stündchen noch, das letzte heut, Und stäubend rieselt in sein Grab, was einstens war lebendge Zeit. Ich harre stumm.
′s ist tiefe Nacht ! Ob wohl ein Auge offen noch? In diesen Mauern rüttelt dein Verrinnen, Zeit ! Mir schaudert, doch Es will die letzte Stunde sein Einsam durchwacht,
Gesehen all, Was ich begangen und gedacht. Was mir aus Haupt und Herzen stieg, Das steht nun eine ernste Wacht Am Himmelstor, O halber Sieg ! O schwerer Fall!
Wie reißt der Wind Am Fensterkreuze ! Ja, es will Auf Sturmesfittichen das Jahr Zerstäuben, nicht ein Schatten still Verhauchen unterm Sternenklar. Du Sündenkind,
War nicht ein hohl Und heimlich Sausen jeder Tag In deiner wüsten Brust Verlies, Wo langsam Stein an Stein zerbrach, wenn es den kalten Odem stieß Vom starren Pol?
Mein Lämpchen will Verlöschen, und begierig saugt Der Docht den letzten Tropfen Öl. Ist so mein Leben auch verraucht? Eröffnet sich des Grabes Höhl Mir schwarz und still?
Wohl in dem Kreis, Den dieses Jahres Lauf umzieht, Mein Leben bricht. Ich wußt es lang ! Und dennoch hat dies Herz geglüht In eitler Leidenschaften Drang ! Mir brüht der Schweiß
Der tiefsten Angst auf Stirn und Hand. Wie? dämmert feucht Ein Stern dort durch die Wolken nicht? Wär es der Liebe Stern vielleicht, Dir zürnend mit dem trüben Licht, Daß du so bangst?
Horch, welch Gesumm ? Und wieder? Sterbemelodie! Die Glocke regt den ehrnen Mund. O Herr, ich falle auf das Knie : Sei gnädig meiner letzten Stund ! Das Jahr ist um !
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Interpretation
Das Gedicht "Am Letzten Tag des Jahres - Silvester" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert den Übergang vom alten zum neuen Jahr als Metapher für die Vergänglichkeit des Lebens und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Das Jahr wird als ein Faden dargestellt, der sich abrollt, und die Zeit als etwas, das in sein Grab rieselt. Der lyrische Ich- Erzähler wartet stumm auf die letzte Stunde des Jahres, die als eine einsame Wache durchwachter Stunden beschrieben wird. Die zweite Strophe vertieft die Nachtmetapher und fragt, ob noch ein Auge offen ist, was auf die Einsamkeit und die Endlichkeit des Lebens hindeutet. Die Zeit wird als etwas Verfließendes dargestellt, das in den Mauern rüttelt. Der Erzähler schaudert, aber die letzte Stunde will kommen. In der dritten Strophe wird das ganze Geschehene und Gedachte betrachtet, was aus Haupt und Herz gestiegen ist, steht nun eine ernste Wache am Himmelstor. Der Sieg wird als halb und der Fall als schwer beschrieben. Die vierte Strophe verwendet das Bild des Windes, der am Fensterkreuze reißt, um die Zerstörung des Jahres zu symbolisieren. Das Jahr will auf stürmischen Fittichen zerstäuben, nicht ein Schatten will sich verhauchen unter dem Sternenklar. Der Erzähler wird als Sündenkind bezeichnet, was auf die christliche Tradition der Silvestermette hinweist. In der fünften Strophe wird das heimliche Sausen jedes Tages in der wüsten Brust des Erzählers beschrieben, wo langsam Stein an Stein zerbrach. Das Lämpchen will verlöschen, und der Docht saugt den letzten Tropfen Öl. Das Leben wird als verraucht dargestellt, und die Grabeshöhle öffnet sich schwarz und still. Die sechste Stunde reflektiert über den Lebenskreis, den der Jahreslauf umzieht. Das Herz glühte in eitler Leidenschaften Drang, und der Schweiß der tiefsten Angst bricht auf Stirn und Hand. In der siebten Strophe fragt der Erzähler, ob ein feuchter Stern durch die Wolken dämmert, vielleicht der Stern der Liebe, der mit trübem Licht zürnt, weil der Erzähler so bangt. In der letzten Strophe hört der Erzähler ein Gesumm und eine Sterbemelodie. Die Glocke regt den ehernen Mund, und der Erzähler fällt auf die Knie und bittet den Herrn um Gnade für die letzte Stunde. Das Jahr ist um.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Das Jahr ist um
- Anapher
- Die Glocke regt den ehrnen Mund. O Herr, ich falle auf das Knie : Sei gnädig meiner letzten Stund !
- Metapher
- Die Glocke regt den ehrnen Mund.
- Personifikation
- ′s ist tiefe Nacht ! Ob wohl ein Auge offen noch?