Am Kamin

Felix Dörmann

1914

Im Ofen knistert lustig laut das Feuer, Phantastisch zucken Lichter hin und her, Ins Spiel der Flammen starrt′ ich, weltvergessen, Mich überflutet der Gedanken Meer.

Vorüber zogen meiner Kindheit Tage, So freud- und freundlos, wie bei Andern kaum, Ein stumpfergebnes Tragen und Entsagen, Kein sorgenloser, sonnenheller Traum - -

Und halbzerdrückt sich von den Wimpern löste Wohl eine Träne nach der andern leis′, Weiß nicht, ob Zornes- oder Sehnsuchtstränen - Doch bitter waren sie und brennend heiß.

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Illustration zu Am Kamin

Interpretation

Das Gedicht "Am Kamin" von Felix Dörmann beschreibt eine tiefgründige emotionale Reise des lyrischen Ichs. Die Atmosphäre wird durch das Knistern des Feuers und das phantastische Zücken der Lichter geschaffen, was eine fast meditative Stimmung hervorruft. Das Ich starrt in das Spiel der Flammen, versunken in Gedanken und von der Welt vergessen, was auf eine innere Zerrissenheit und eine Flucht in die eigenen Gefühle hindeutet. Die Kindheit des lyrischen Ichs wird als freud- und freundlos beschrieben, ein krasser Gegensatz zu dem, was in anderen Familien als selbstverständlich gilt. Die Tage waren geprägt von stumpfem Ertragen und Entsagen, ohne den sorglosen, sonnigen Traum einer unbeschwerten Jugend. Diese Beschreibung vermittelt ein tiefes Gefühl von Einsamkeit und Verlust, das das Ich bis in die Gegenwart begleitet. Die Tränen, die sich von den Wimpern lösen, sind ein Ausdruck der unterdrückten Emotionen. Ob es Zornes- oder Sehnsuchtstränen sind, bleibt unklar, doch ihre Bitterkeit und brennende Hitze deuten auf tiefes Leid und unerfüllte Wünsche hin. Das Gedicht endet mit einem starken emotionalen Ausbruch, der die Intensität der inneren Konflikte und die Unfähigkeit, diese zu überwinden, verdeutlicht.

Schlüsselwörter

andern ofen knistert lustig laut feuer phantastisch zucken

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Stilmittel

Alliteration
Phantastisch zucken Lichter hin und her
Enjambement
Kein sorgenloser, sonnenheller Traum - - Und halbzerdrückt sich von den Wimpern löste
Hyperbel
Sich von den Wimpern löste 'wohl eine Träne nach der andern leis'
Kontrast
Zwischen der fröhlichen Kaminatmosphäre und den 'freud- und freundlosen' Kindheitstagen
Metapher
Das Feuer als 'Gedanken Meer' und die Tage als 'sonnenheller Traum'
Personifikation
Das Feuer knistert 'lustig laut'