Am Guadalquivir
1815Wo bist du, Wunderbau der Omajaden, Az-Zahra, zauberisch am Silberfaden Des rauschenden Guadalquivir gedehnt? Braut Abdurrahmans, in der Schattenkühle Des Mandelhaines auf die Rosenpfühle Der Uferhügel hingelehnt?
Wo sind die Feste unter Myrtenlauben Bei Brunnenrieseln und Gegirr der Tauben, Bei Lampenglühn und buntem Wimpelflug, Wenn auf dem Strom, in den krystallnen Tiefen Die Lorbeerschatten spaltend, den Kalifen Die schimmernde Galeere trug?
Wo deine Gärten längs des Uferrandes, In denen mit den Feen des Abendlandes Arabiens Peri sich besprach, Wenn auf den blütenduftigen Terrassen Voll weißer schimmernder Kiosks im blassen Lichtschein der Sternenhimmel lag?
Und du, o Stadt der hochgewölbten Dome, Milchstraßengleich mit deinem Häuserstrome Auf deinen Erdenhimmel hingestreckt, Fanal der Gläubigen, des Wissens Leuchte, Die hellen Strahls zuerst das Dunkel scheuchte, Das lang und tief die Welt bedeckt:
O Cordova! wo find′ ich deine Dichter, Wo deine Schönen, glänzend wie die Lichter, Die vom Serai der Nacht herniedersehn? Wo sie, die mit dem Ruhm des Einig-Einen Zum Himmel ragten aus den Cederhainen, Die Halbmondkuppeln der Moscheen?
Gestürzt sind deine goldnen Minarete! Der Isan schweigt! Nie mehr, wenn die Drommete Die Gläubigen ermahnt zum heil′gen Kampf, Entströmt das Heer der turbanbunten Mohren Im eh′rnen Harnisch deinen hundert Thoren Bei Allahruf und Roßgestampf.
Einsam inmitten deiner Trümmer ragen Die Pfeiler, die das hehre Dach getragen, Ein wipfelreicher Marmorwald; Erloschen aber ist der Lampen Menge; Nie mehr wallt Allah durch die Säulengänge, Draus kein Gebet zu ihm mehr schallt;
Ein neuer Glaube füllt die Tempelhallen Des Islam nun, die Stein auf Stein zerfallen, Mit Orgelklang und Weihrauchqualm; Bald stirbt auch er; des Hochaltars Gepränge Deckt mählich Staub, und matt wie Grabgesänge Verklingt der letzte Christenpsalm.
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Interpretation
Das Gedicht "Am Guadalquivir" von Adolf Friedrich Graf von Schack thematisiert den Verfall und die Vergänglichkeit der einst blühenden maurischen Kultur in Spanien. Es beginnt mit einer nostalgischen Rückbesinnung auf die Pracht des Palastes Az-Zahra und die prächtigen Feste am Fluss Guadalquivir, die von Kalifen und ihrer Umgebung genossen wurden. Die Bilder von Gärten, Moscheen und der Stadt Córdoba vermitteln eine Zeit des kulturellen und wissenschaftlichen Aufschwungs, in der Kunst und Wissen blühten. Der zweite Teil des Gedichts reflektiert den Niedergang dieser einstigen Größe. Die goldenen Minarette sind zerstört, der Isan (Gebetsruf) verstummt, und die einst lebendigen Moscheen sind nun leer und still. Der Übergang vom Islam zum Christentum wird als weiterer Schritt im Prozess des Verfalls dargestellt, wobei auch der neue Glaube schließlich verblasst. Das Gedicht endet mit einem düsteren Bild des Verfalls, in dem selbst die christlichen Hymnen verhallen und der Staub die prächtigen Altäre bedeckt. Schack vermittelt damit eine tiefe Melancholie über den unaufhaltsamen Lauf der Zeit und den Verlust kultureller Pracht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gestürzt sind deine goldnen Minarete
- Hyperbel
- Die hellen Strahls zuerst das Dunkel scheuchte, Das lang und tief die Welt bedeckt
- Metapher
- Des Hochaltars Gepränge Deckt mählich Staub
- Personifikation
- Niemals wallt Allah durch die Säulengänge