Am Grab des Bruders

Luise Büchner

1862

Nach langem, langem Sehnen An deinem Grab ich stand, Nach vielen, bittren Tränen Sah ich dies Stückchen Land, Das Alles kalt bedecket, Woran voll Zärtlichkeit, Seit Leben ihm erwecket, Das Kind hing allezeit!

Das Kind - o, Schmerz! ich habe Dich anders nicht gekannt, Stiegst jetzt du aus dem Grabe, Du hättst mich kaum erkannt. Doch wie ich so hier stehe, Wird Eins mir wunderbar, Trotz allem Schmerz und Wehe, Im tiefsten Innern klar.

Zu früh mir hingeschwunden Warst du mein Lebensstern, Nach dem in allen Stunden Ich sah zum Himmel gern; Sein Strahl ward meine Leuchte, Zog meinem Geist voran, Zum Guten, Schönen zeigte, Zur Wahrheit mir die Bahn.

Und dass in ewger Treue Ihm stets gefolgt mein Herz, Dass hier ich steh ohn Reue, Dies sänftigt meinen Schmerz; Dass tief mir im Gemüte Dasselbe Feuer wacht, Das deine Brust durchglühte Mit seltner Liebesmacht.

So fühl ich mit Entzücken, Stündst eben du vor mir, Als Geistesschwester drücken Würdst du ans Herz mich dir! Die Hände segnend breiten Auf meine Stirne bleich, Mich wie in Kinderzeiten Anlächeln mild und weich. -

Muss wieder von ihm gehen, Dem schmerzlich teuren Ort, Doch was mir dort geschehen, Wirkt mutig in mir fort! Dass so du in mir lebest Für alle Ewigkeit, Zum Höchsten mich erhebest - Dies ist Unsterblichkeit!

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Illustration zu Am Grab des Bruders

Interpretation

Das Gedicht "Am Grab des Bruders" von Luise Büchner beschreibt eine tief emotionale Begegnung mit dem Grab des Bruders. Die Sprecherin kehrt nach langer Sehnsucht an den Ort zurück, an dem ihr Bruder begraben liegt. Trotz der Trauer und des Schmerzes über seinen Tod empfindet sie eine gewisse Klarheit und Erkenntnis in ihrem Inneren. Der Bruder wird als Lebensstern beschrieben, der die Sprecherin in allen Stunden geleitet hat. Sein strahlendes Beispiel hat ihren Geist auf den Weg des Guten, Schönen und der Wahrheit geführt. Die Sprecherin empfindet keine Reue, da sie seinem Beispiel treu geblieben ist und das gleiche Feuer der Liebe in ihrem Herzen wach hält. Am Ende des Gedichts wird die Hoffnung auf eine geistige Wiedervereinigung mit dem Bruder ausgedrückt. Die Sprecherin fühlt, dass sie in ihm weiterlebt und durch ihn zu Höherem erhoben wird. Dies verleiht ihr Mut und Kraft, um weiterzuleben und den schmerzlichen Ort des Grabes zu verlassen. Die Erinnerung an den Bruder und die geistige Verbundenheit mit ihm verleihen der Sprecherin eine Art Unsterblichkeit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Nach langem, langem Sehnen
Metapher
Dies ist Unsterblichkeit
Personifikation
Das Kind - o, Schmerz!