Am Fenster

Auguste Kurs

1815

Ich lehn′ am Fenster, trüb′ und still, Hab′ Vieles überdacht, Die Dämm′rung schwand mir unbemerkt, Es naht sich schon die Nacht. Die Häusermassen liegen da, Von Nebel grau umwebt, Als wären sie verlassen all′ Und gänzlich unbelebt.

Doch sieh! da blitzet fern ein Licht Und wieder eins empor, Bald glänzt aus allen Fenstern fast Der helle Schein hervor. Da weilen rings die Menschen nun In Freude oder Schmerz, Da regt sich manche fleiß′ge Hand, Manch ungestümes Herz.

Was doch an Hoffnung Lust und Leid Ein einz′ges Haus enthält, Denn jedes Menschen Herz umschließt Die ganze, eigne Welt. Und in so kleinem Raume spinnt Manch reiches Loos sich ab; Dann gehen wir aus engem Raum Zum engsten, in das Grab.

So kurz ein Tag! und wieviel birgt Ein Tag an Lust und Leid, Und aus wie wenig Tagen webt Sich eine Lebenszeit! Und wieder ist nach kurzer Frist Ein Lebenstag verbracht Habt gute Nacht, ihr Müden all′, Von Herzen gute Nacht!

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Illustration zu Am Fenster

Interpretation

Das Gedicht "Am Fenster" von Auguste Kurs beschreibt die nachdenkliche Stimmung des lyrischen Ichs, das am Fenster lehnt und über vieles nachgedacht hat. Die Dämmerung ist unbemerkt gewichen und die Nacht naht. Die Häuser liegen in grauem Nebel gehüllt und scheinen verlassen und leblos. Doch plötzlich blitzt ein Licht auf, dann noch eins, und bald leuchten fast aus allen Fenstern helle Scheine hervor. Nun weilen die Menschen ringsum in Freude oder Schmerz, fleißige Hände regen sich und ungestüme Herzen schlagen. Der Dichter reflektiert darüber, wie viel Hoffnung, Lust und Leid schon ein einziges Haus enthält, denn jedes Menschenherz umfasst die ganze eigene Welt. In so kleinem Raum spinnt sich manch reiches Los, um dann aus dem engen Raum ins engste Grab zu führen. Das Gedicht endet mit der Betrachtung, wie kurz ein Tag ist und wie viel er an Lust und Leid birgt. Aus wenigen Tagen webt sich eine Lebenszeit, und schon ist wieder ein Lebenstag verbracht. Der Dichter wünscht allen Müden eine gute Nacht, von Herzen gute Nacht.

Schlüsselwörter

nacht all menschen manch herz lust leid tag

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Stilmittel

Hyperbel
Und in so kleinem Raume spinnt Manches reiches Loos sich ab;
Metapher
Ein Lebenstag verbracht
Personifikation
Die Häusermassen liegen da, Von Nebel grau umwebt, Als wären sie verlassen all' Und gänzlich unbelebt.
Symbolik
Ein einz'ges Haus enthält, Denn jedes Menschen Herz umschließt Die ganze, eigne Welt.