Am ersten Sonntage im Advent

Annette von Droste-Hülshoff

1797

Evang.: Eintritt Jesu in Jerusalem

Du bist so mild, So reich an Duldung, liebster Hort, Und mußt so wilde Streiter haben; Dein heilig Bild Ragt überm stolzen Banner fort, Und deine Zeichen will man graben In Speer und funkensprüh′nden Schild.

Mit Spott und Hohn Gewaffnet hat Parteienwut, Was deinen sanften Namen träget, Und klirrend schon Hat in des frömmsten Lammes Blut Den Fehdehandschuh man geleget, Den Zepter auf die Dornenkron′.

So bleibt es wahr, Was wandelt durch des Volkes Mund: Daß, wo man deinen Tempel schauet So mild und klar, Dicht neben den geweihten Grund Der Teufel seine Zelle bauet, Sich wärmt die Schlange am Altar.

Wenn Stirn an Stirn Sich drängen mit verwirrtem Schrei Die Kämpfer um geweihte Sache, Wenn in dem Hirn Mehr schwindelt von der Welt Gebräu, Von Siegesjubel, Ehr und Rache Mehr zähe Spinngewebe schwirr′n,

Als stark und rein Der Treue Nothhemd weben sich Sollt′, von des Herzens Schlag gerötet: Wer denkt der Pein, Durchzuckend wie mit Messern dich, Als für die Kreuz′ger du gebetet! - O Herr, sind dies die Diener dein?

Wie liegt der Fluch Doch über Alle, deren Hand Noch rührt die Sündenmutter Erde! Ist′s nicht genug, Daß sich der Flüchtling wärmt am Brand Der Hütte? Muß auf deinem Herde Die Flamme schür′n unsel′ger Trug?

Wer um ein Gut Der Welt die Sehnsucht sich verdarb, Den muß der finstre Geist umfahren; Doch was dein Blut, Dein heilig Dulden uns erwarb, Das sollten kniend wir bewahren Mit starkem aber reinem Mut,

Allmächt′ger du, In dieser Zeit, wo dringend Not, Daß rein dein Heiligtum sich zeige, O, laß nicht zu, Daß Lästerung, die lauernd droht, Verschütten darf des Hefens Neige Und, ach, den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu′ Und allen standhaft echten Mut Aufflammen immer licht und lichter! Kein Opfer sei Zu groß für ein unschätzbar Gut, Und deine Scharen mögen dichter Und dichter treten Reih an Reih.

Doch ihr Gewand Sei weiß, und auf der Stirne wert Soll keine Falte düster ragen; In ihrer Hand, Und faßt die Linke auch das Schwert, Die Rechte soll den Ölzweig tragen, Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh Und spät, so wirst du einst und heut′ Als deine Streiter sie erkennen: Voll Schweiß und Müh′, Demütig, standhaft, friedbereit; So wirst du deine Scharen nennen Und Segen strömen über sie.

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Illustration zu Am ersten Sonntage im Advent

Interpretation

Das Gedicht "Am ersten Sonntage im Advent" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert die Widersprüche und Herausforderungen des christlichen Glaubens. Die Autorin beschreibt die Sanftmut und Duldung Jesu, die im Kontrast zu den "wilden Streitern" stehen, die sich seines Namens bedienen. Sie kritisiert die Verfälschung und Instrumentalisierung des Glaubens für eigene Zwecke. Die Dichterin betont die Reinheit und Treue, die im Glauben bewahrt werden sollen. Sie fordert dazu auf, stark aber reinen Mutes für das erlangte Heil einzustehen. Die Verse mahnen dazu, sich nicht von Lästerung und Zweifeln abbringen zu lassen und die Heiligkeit des Glaubens zu bewahren. Abschließend ruft die Autorin dazu auf, als treue Diener Gottes erkannt zu werden - voller Mühe und Demut, standhaft und friedensbereit. Nur so könne Segen über die Gläubigen kommen. Das Gedicht ist eine eindringliche Reflexion über die Herausforderungen des Glaubens und den Aufruf zur Treue und Reinheit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Laß alle Treu' / Und allen standhaft echten Mut
Hyperbel
Von Siegesjubel, Ehr und Rache / Mehr zähe Spinngewebe schwirr'n
Metapher
So wirst du deine Scharen nennen / Und Segen strömen über sie
Personifikation
Daß, wo man deinen Tempel schauet / So mild und klar, / Dicht neben den geweihten Grund / Der Teufel seine Zelle bauet