Am deutschen Gränzstein
1790Mir auch pochte das Herz, als von den Alpen ich Weit hin schaut’ in das Land, mythischer Zauber voll, Daß süßdämmernd, ein Traum mir vor der Seele lag, Den ich geträumt in der Jugend Schlummer.
Ich auch eilte dem Süd sehnsuchtgestachelt zu, Wo hin tobt der Torrent, wo in Pontevas Schlucht Starr aufraget der Fels, schwindelnd der Weg sich zieht, Mächtig von Quadern umzäunt, am Abgrund.
Dort vom Morgen beglänzt, hebt sich Venedigs Pracht Aus tiefblauendem Schooß stiller Lagun’ empor; Schon durchfährt den Kanal, ruderbewegt, entlang Tausend Palästen, die schlanke Gondel.
Auch auf üppiger Flur schaut’ ich der Lombardei Marmorstädte zerstreut, dicht, wie des Sämanns Hand Streut Goldkörner der Saat; und aus dem Gardasee Glänzte der blaue Saphir des Himmels.
Starr her ragte der Kulm drüben des Apennins, Grün umgürtet vom Gurt dunkler Kastanien, Tief durchklüftet vom Guß stürzender Ströme, nun Trocken ihr Bett, und gefüllt mit Bergschutt.
Florenz, lachende Braut, lieblich im Kranze, dir Vom leicht schwebenden Hut flattert der Rosenzweig! Wie, durchschauert von Lust, Arno dich hält im Arm, Winkt ihm dein leuchtender Blick Gewährung!
Hoch auf pochte mein Herz, ewige Tiberstadt, Als mein Fuß dich betrat, als ich vom Pincio Euch anstaunte zuerst, Wunder der Gegenwart, Stolzer Vergangenheit hehre Wunder!
Schranklos schweifte der Blick von der Laterne Knauf, Labyrinthisch vor mir Marmorpaläst’ und Dom’! An dein schwarzes Gestein, Mauer der Engelsburg, Rankten sich Rosen hinan und Weinlaub.
Still hin rollte der Strom unter der Brücken Joch! Jenseits ragt aus dem Schutt jenes gewaltige Trümmerfeld, wo so oft jubelnder Siegeszug, Spolientragend, zum Tempel aufstieg;
Cestus Mal und der Thurm, der der Metelle Grab, – Rechts hin Weidegefild, – tiefer am Horizont Schwimmt weiß schimmernder Duft – drüben ein dunkler Streif – Hinter des Aethers Krystall die Meerfluth! – –
Nicht Stumpfsinnigen war todt hier Natur und Kunst; Nein! Ein seliger Rausch glüht’ in der Brust auch mir; Doch ich fühlte, beglänzt selbst von Hesperiens Heiterem Himmel, die deutsche Sehnsucht!
Bald entschwunden dem Blick war der Orangen Gold, Lorbeerros’ und Jasmin schwanden und Pinien; Weinlaubkränze, gespannt festlich von Stamm zu Stamm, Und von den sonnigen Höhn der Oelbaum.
Und als heim das Gespann flog, und der Rosse Huf Deutschlands Erde berührt, die mir die heilige; Rings verhallt der Gesang, der wie Sirenenlied Lieblich in Schlummer die Geister einlullt;
Als mir wieder ins Ohr tönte die Sprache Teuts, Wie laut dröhnendes Erz einst, in des Odins Hain, Wenn, aufrufend zur Schlacht, mächtig des Skalden Schwert An den metallenen Schildkranz anschlug;
Als dein ew’ger Kristall, Himmel Italiens, Schwand, phantastisch Gewölk über dem Haupt mir zog, Als Tannwälder um mich brausten, geheimnisvoll, Schaurige Sagen der grauen Vorwelt;
Melodieen der Quell rieselte neben mir, Blau und klar, daß im Grund jegliches Steinchen glänzt – Da, ob eisige Luft auch mir den Bart gereift, Jauchzt’ ich Päane dir zu: o Heimath!
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Interpretation
Das Gedicht "Am deutschen Gränzstein" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von der Sehnsucht des lyrischen Ichs nach seiner deutschen Heimat, während es die Schönheit und den Zauber Italiens erlebt. Der Dichter beschreibt eindrucksvoll die verschiedenen Stationen seiner Reise durch Italien, von den Alpen über Venedig, die Lombardei, Florenz bis hin nach Rom. Dabei betont er die Pracht der Städte, die malerische Landschaft und die Kunstschätze des Landes. Trotz all dieser Eindrücke bleibt die Sehnsucht nach der deutschen Heimat bestehen und wird schließlich beim Anblick der heimatlichen Landschaft und beim Hören der deutschen Sprache übermächtig. Das Gedicht ist in drei Strophen unterteilt, die jeweils einen unterschiedlichen Aspekt der Reise und der damit verbundenen Gefühle beleuchten. In der ersten Strophe beschreibt der Dichter die Ankunft in Italien und die Faszination, die das Land auf ihn ausübt. Die zweite Strophe widmet sich den einzelnen Stationen der Reise und den Eindrücken, die das lyrische Ich dort gewinnt. In der dritten Strophe schließlich kehrt das Ich nach Deutschland zurück und empfindet eine tiefe Freude und Verbundenheit mit seiner Heimat. Das Gedicht verdeutlicht die ambivalente Beziehung des lyrischen Ichs zu Italien und Deutschland. Einerseits bewundert und genießt es die Schönheit und den Zauber Italiens, andererseits bleibt die Sehnsucht nach der deutschen Heimat bestehen und wird schließlich beim Anblick der heimatlichen Landschaft übermächtig. Das Gedicht kann als Ausdruck der damaligen Zeit verstanden werden, in der Italien als Sehnsuchtsort und als Land der Kunst und Kultur galt, während Deutschland eher als das Land der eigenen Wurzeln und der tiefen Verbundenheit empfunden wurde.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tönte die Sprache Teuts
- Bildsprache
- Melodieen der Quell rieselte neben mir
- Hyperbel
- ob eisige Luft auch mir den Bart gereift
- Metapher
- Jauchzt' ich Päane dir zu: o Heimath
- Personifikation
- phantastisch Gewölk über dem Haupt mir zog
- Symbolik
- Cestus Mal und der Thurm, der der Metelle Grab
- Vergleich
- Blau und klar, daß im Grund jegliches Steinchen glänzt