Am Baume

Luise Büchner

1877

Am Baum′ hab′ ich gestanden, Der war so hoffnungsgrün, Nicht lange mehr kann′s dauern Und freudig wird er blüh′n.

Ein Zweiglein nur streckt trauernd Die Arme nach mir aus, Es ist so kahl und dürre, Schlägt nirgends knospend aus.

O, Zweiglein! was erwachest Du nicht im Frühlingshauch? Die Sonne küßt die Fluren, Sie küsset dich ja auch!

Lockt nicht des Himmels Bläue, Der lauen Lüfte Weh′n, Dich, wie die Nachbarzweige Im Blüthenschmuck zu steh′n?

Laß deine Rinde schwellen Von frischem Lebenssaft - Doch, Zweiglein, ach! ich sehe Dir fehlt die inn′re Kraft!

Dein Mark, ach! ist erstorben, Vom Winterfrost verzehrt, Dein zartes Leben haben Die Stürme rauh zerstört.

Für dich scheint keine Sonne, Weht keine Frühlingsluft, Dir sind die Lenzgefilde Nur eine Todtengruft. -

Ich gehe still von dannen, Und denk′ an dich zurück, Und an so mancher Herzen Dahin gewelktes Glück.

In deren zarte Blüthe Auch drang so eisig Weh′n, Daß unter den Lebend′gen Sie wie Gestorb′ne steh′n!

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Illustration zu Am Baume

Interpretation

Das Gedicht "Am Baume" von Luise Büchner handelt von der Betrachtung eines Baumes und eines bestimmten Zweiges, der nicht blühen kann. Der Baum selbst steht in voller Hoffnung und wird bald in voller Blüte stehen, doch ein einzelner Zweig bleibt kahl und traurig. Der Sprecher fragt sich, warum dieser Zweig nicht erwacht und sich nicht der Frühlingsluft öffnet, obwohl die Sonne und die lauen Lüfte ihn dazu einladen. Der Zweig wird als kraftlos und vom Winterfrost zerstört beschrieben. Sein Mark ist erstorben, und die Stürme haben sein zartes Leben zerstört. Für diesen Zweig scheint keine Sonne zu scheinen, und keine Frühlingsluft weht. Die Frühlingsgefilde sind für ihn nur ein Grab. Der Sprecher geht still davon und denkt an den Zweig zurück, der als Symbol für das zerstörte Glück vieler Herzen steht. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Der Zweig, der nicht blühen kann, symbolisiert das Scheitern und den Verlust von Hoffnung und Freude. Der Sprecher zieht eine Parallele zwischen dem Zweig und den Herzen, die durch eisiges Weh durchdrungen wurden und nun wie Gestorbene unter den Lebenden stehen. Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung und regt zum Nachdenken über die Vergänglichkeit und die Herausforderungen des Lebens an.

Schlüsselwörter

zweiglein sonne weh steh keine baum hab gestanden

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's' Lautes in 'Ich gehe still von dannen' erzeugt einen sanften, flüsternden Klang.
Apostrophe
Der Sprecher wendet sich direkt an das Zweiglein, als wäre es ein Zuhörer.
Hyperbel
Die Sonne 'küßt die Fluren' und 'sie küsset dich ja auch', was die Intensität der Sonnenstrahlen übertreibt.
Metapher
Die 'zarte Blüthe' wird als etwas beschrieben, das von 'eisig Weh'n' durchdrungen ist, was die Zerstörung von Hoffnung und Glück symbolisiert.
Personifikation
Der Zweig wird als 'trauernd' beschrieben, was ihm menschliche Emotionen verleiht.
Symbolik
Die 'Lebendigen', die 'wie Gestorb'ne steh'n', symbolisieren diejenigen, die innerlich tot sind, obwohl sie äußerlich noch leben.
Vergleich
Die Frage 'Lockt nicht des Himmels Bläue, Der lauen Lüfte Weh'n, Dich, wie die Nachbarzweige Im Blüthenschmuck zu steh'n?' vergleicht die Anziehungskraft des Himmels und der Luft mit der Versuchung, in Blüte zu stehen.