Am Barren
1883Deutsche Frau, dich ruft der Barrn, Denn dies trauliche Geländer Fördert nicht nur Hirn und Harn, Sondern auch die Muskelbänder, Unterleib und Oberlippe. Sollst, das Hüftgelenk zu stählen, Dich im Knickstütz ihm vermählen. Deutsches Weib, komm: Kippe, kippe! Deutsche Frau, nun lass dich wieder Ellengriffs im Schwimmhang nieder. So, nun Hackenschluss! Und schwinge! Schwinge! Hurtig um den Leib! Oh, es gibt noch wundervolle Dinge. Rolle rückwärts! Rolle! Rolle rückwärts, deutsches Weib!
Deutsche Jungfrau, weg das Armband! In die Hose! Aus dem Rocke! Aus dem Streckstütz in den Armstand, Nur die Flanke. Sehr gut! Danke! Deutsches Mädchen- Hocke, Hocke!
Musst dich keck emanzipieren Und mit kindlichem “Ätsch-Ätsche” Über Männer triumphieren, Musst wie Bombe und Kartätsche Deine Kräfte demonstrieren. Deutsches Mädchen- Grätsche! Grätsche!
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Interpretation
Das Gedicht "Am Barren" von Joachim Ringelnatz ist eine humorvolle und ironische Darstellung der Gymnastik am Barren. Der Dichter verwendet einen spielerischen und rhythmischen Stil, um die Bewegungen und Übungen zu beschreiben, die eine Frau am Barren ausführen könnte. Die Wiederholung des Satzes "Deutsche Frau, komm: Kippe, kippe!" und ähnlicher Aufforderungen betont die rhythmische und repetitive Natur der Gymnastikübungen. Ringelnatz verwendet eine Mischung aus technischen Begriffen und umgangssprachlichen Ausdrücken, um die gymnastischen Bewegungen zu beschreiben. Dies verleiht dem Gedicht einen lebendigen und unterhaltsamen Charakter. Die Verwendung von Wörtern wie "Kippe", "Hackenschluss" und "Grätsche" zeigt die Vielfalt der Übungen und die körperliche Anstrengung, die damit verbunden ist. Das Gedicht enthält auch eine feministische Note, da es die Emanzipation und Stärkung der Frau durch sportliche Betätigung thematisiert. Die Aufforderung an die "Deutsche Jungfrau" und das "Deutsche Mädchen", sich zu emanzipieren und ihre Kräfte zu demonstrieren, spiegelt den Wunsch nach Gleichberechtigung und Selbstbestimmung wider. Die Zeilen "Musst dich keck emanzipieren" und "Über Männer triumphieren" unterstreichen diesen Aspekt. Insgesamt ist "Am Barren" ein lebendiges und humorvolles Gedicht, das die Gymnastik als Mittel zur körperlichen und geistigen Stärkung der Frau darstellt. Ringelnatz nutzt den spielerischen Ton und die rhythmische Struktur, um die Freude und den Stolz zu vermitteln, die mit der Beherrschung dieser Übungen einhergehen. Das Gedicht feiert die weibliche Stärke und Unabhängigkeit auf eine unterhaltsame und zugleich nachdenkliche Weise.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Musst dich keck emanzipieren
- Befehlsform
- Grätsche! Grätsche!
- Metapher
- Wie Bombe und Kartätsche
- Personifikation
- Denn dies trauliche Geländer
- Reimschema
- A, A, A, A, B
- Titel
- Am Barren