Am 5. September

Betty Paoli

1895

An Ida.

Als dämmernd noch das Leben vor mir lag, Mein Herz noch nichts errungen, nichts verloren, Nicht ahnt′ ich da, daß mir an diesem Tag′ Mein bestes Kleinod ward zur Welt geboren! Nicht ahnte ich, daß heut′ der hellste Stern An meinem Horizonte anfgegangen, Daß meines Wesens innerlichster Kern Den vollen Abschluß heute erst empfangen.

Ich ahnt′ es nicht; erst jetzt erkenn′ ich′s ganz! Nur Eines kann ich auch noch jetzt nicht fassen: Daß deiner Liebe heller Stralenkranz Auf meine Stirn′ sich mochte niederlassen. Es heißt ja doch, daß nur um Gleich und Gleich Die Bande sich wahrhaft′ger Freundschaft weben. Du aber bist so reich, so überreich, Und ich, – – was hab′ ich Arme dir zu geben?

Nichts als mich selbst! doch diese Gabe schafft Dir Sorgen nur und immer neue Mühen! Denn stützen mußt du mich mit deiner Kraft, Dein böses altes Kind zum Guten ziehen. Du mußt, bald ernst und streng, und bald gelind, Hier rathen, trösten, strafen dort und wehren, Und die Gedanken, die das Leben sind, Den erdgebund′nen Geist erst denken lehren.

Tief schmerzlich überkommt mich′s manchesmal: O daß ich früher, früher dich gefunden, Als ungetrübt noch meines Auges Stral, Und meine Brust noch rein von Schuld und Wunden! Dann wäre nie des Samums glüher Hauch, Vergiftend über mich hinweggegangen! Ich gliche nicht dem blitzversengten Strauch, Und könnte geben, statt nur zu empfangen!

Doch, hat voreinst nicht aus des Heilands Mund Die schmerzenmüde Welt dieß Wort vernommen: »Für Jene nicht, die kräftig und gesund, Nein! für die Kranken ist der Arzt gekommen«? Du treuer Arzt! so hast, als, wüst und wirr, Das Fieber mich der Leidenschaft bezwungen, Du mich gepflegt, und liebest nun in mir Die Beute, die dem Tod du abgerungen!

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Illustration zu Am 5. September

Interpretation

Das Gedicht "Am 5. September" von Betty Paoli ist ein tief empfundenes Loblied auf eine enge Freundin namens Ida. Die Autorin reflektiert über den Tag, an dem Ida geboren wurde, und erkennt, dass dies ein Wendepunkt in ihrem eigenen Leben war. Sie beschreibt, wie Ida zum "hellsten Stern" an ihrem Horizont wurde und ihren inneren Kern vervollständigte. Paoli drückt ihre tiefe Dankbarkeit und Bewunderung für Ida aus, die trotz ihrer eigenen Armut und Unvollkommenheit immer für sie da war. Das Gedicht thematisiert auch die Ungleichheit zwischen den beiden Freundinnen. Paoli fühlt sich Ida gegenüber schuldig, da sie selbst nichts von materiellem Wert zu bieten hat. Sie sieht sich selbst als "böses altes Kind", das von Ida geführt, getröstet und erzogen werden muss. Trotzdem betont sie, dass ihre Freundschaft auf einer tieferen Ebene beruht und dass Ida ihr bedingungslos zur Seite steht. Im letzten Teil des Gedichts drückt Paoli ihre Sehnsucht aus, Ida früher in ihrem Leben getroffen zu haben, bevor sie durch die "Schuld und Wunden" des Lebens gezeichnet wurde. Sie vergleicht sich selbst mit einem "blitzversengten Strauch" und wünscht sich, Ida etwas zurückgeben zu können, anstatt nur zu empfangen. Dennoch findet sie Trost in der Vorstellung, dass Ida wie ein treuer Arzt gekommen ist, um sie von den Fesseln der Leidenschaft und des Fiebers zu befreien und sie vor dem geistigen Tod zu bewahren.

Schlüsselwörter

erst leben ahnt welt empfangen gleich geben mußt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Du mußt, bald ernst und streng, und bald gelind
Anapher
Nicht ahnte ich, daß heut′ der hellste Stern
Anspielung
Für Jene nicht, die kräftig und gesund, Nein! für die Kranken ist der Arzt gekommen
Bildsprache
Den erdgebund′nen Geist erst denken lehren
Hyperbel
Du aber bist so reich, so überreich
Kontrast
Bald ernst und streng, und bald gelind
Metapher
Ich gliche nicht dem blitzversengten Strauch
Personifikation
Daß deiner Liebe heller Stralenkranz
Rhetorische Frage
O daß ich früher, früher dich gefunden