Am 18. Oktober 1816

Ludwig Uhland

1816

Wenn heut ein Geist herniederstiege, zugleich ein Sänger und ein Held, ein solcher, der im heil′gen Kriege gefallen auf dem Siegesfeld, der sänge wohl auf deutscher Erde ein scharfes Lied, wie Schwertesstreich, nicht so, wie ich es künden werde, nein, himmelskräftig, donnergleich:

“Ihr Fürsten! seid zuerst befraget: Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht, an dem ihr auf den Knien laget und huldigtet der höhern Macht? Wenn eure Schmach die Völker lösten, wenn ihre Treue sie erprobt, so ist′s an euch, nicht zu vertrösten, zu leisten jetzt, was ihr gelobt.

Ihr Völker, die ihr viel gelitten, vergaßt auch ihr den schwülen Tag? Das Herrlichste, was ihr erstritten, wie kommt′s, daß es nicht frommen mag? Zermalmt habt ihr die fremden Horden doch innen hat sich nichts gehellt, und Freie seid ihr nicht geworden, wenn ihr das Recht nicht festgestellt

Ihr Fürstenrät′ und Hofmarschälle mit trübem Stern auf kalter Brust, die ihr vom Kampf um Leipzigs Wälle wohl gar bis heute nichts gewußt, vernehmt! an diesem heut′gen Tage hielt Gott der Herr ein groß Gericht. Ihr aber hört nicht, was ich sage, ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.

Was ich gesollt, hab′ ich gesungen, und wieder schwing′ ich mich empor; was meinem Blick sich aufgedrungen, verkünd′ ich dort dem sel′gen Chor: Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen, untröstlich ist′s noch allerwärts: Doch sah ich manches Auge flammen, und klopfen hört′ ich manches Herz.”

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Illustration zu Am 18. Oktober 1816

Interpretation

Das Gedicht "Am 18. Oktober 1816" von Ludwig Uhland ist eine dramatische Anklage gegen die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Der Autor imaginiert einen Geist, der als Sänger und Held vom Himmel herabsteigt und ein scharfes, kritisches Lied anstimmt. Der Geist richtet sich in scharfen Tönen an die Fürsten und fordert sie auf, ihre Versprechen von Freiheit und Einheit einzulösen, die sie nach dem Sieg über Napoleon gegeben haben. Er kritisiert auch die Bevölkerung dafür, dass sie sich nicht für ihre Rechte einsetzt und dass trotz des äußeren Sieges über die Fremden innenpolitisch nichts Besserung eingetreten ist. Die politische Elite wird als gleichgültig und unwissend dargestellt. Der Geist beendet sein Lied und schwingt sich wieder empor, um seine Botschaft im Himmel zu verkünden. Er kann weder rühmen noch verdammen, denn überall herrscht noch Unheil. Doch er hat auch Zeichen der Hoffnung gesehen - brennende Augen und klopfende Herzen, die auf eine mögliche Veränderung hindeuten. Das Gedicht ist somit eine Mischung aus scharfer Kritik und vorsichtigem Optimismus.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ihr Fürsten! seid zuerst befraget: Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht, an dem ihr auf den Knien laget und huldigtet der höhern Macht?
Bildsprache
Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen, untröstlich ist's noch allerwärts: Doch sah ich manches Auge flammen, und klopfen hört' ich manches Herz.
Metapher
schwing' ich mich empor
Personifikation
Wenn heut ein Geist herniederstiege
Rhetorische Frage
Ihr Fürsten! seid zuerst befraget: Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht, an dem ihr auf den Knien laget und huldigtet der höhern Macht?