Altweibergespräch
1847Mutter Anne und Hanne, Mutter Camille und Sibille, Frau Murksen, Frau Mucksen, Frau Drucksen, Frau Luxen, Die saßen zusammen an einem Tage. Da begann Frau Murksen mit dieser Klage: ′s ist doch viel Not in der Welt, Mutter Hanne! – Ja, ja, Frau Murksen, das Bier kost sieben Kreuzer die Kanne! Und das liebe Geld ist so rar, Wies noch gar in der Welt nicht war! Nur dummes Volk hat die Taschen voll, Und Glück hat niemand, der es haben soll! – Ja, ja, Frau Hanne, das ist sehr wahr Und ward mir an mir selber klar. Mir träumte heut nacht, ich würde zum Peterberge Geführt von einem kleinen allerliebsten niedlichen Zwerge. Der sagte: Was fragt Ihr nach roten Dreiern: Hier sitzt eine goldne Gans auf goldnen Eiern. Das Peterbild zeigt mit der Hand, Wo man sie suchen muß im Sand. Da sah ich, wie das Bild sich neigte Und mir die Gans im Sande zeigte. Ich grub sie mit allen Eiern aus Und trug sie, versteht sich im Traum, nach Haus. Nun aber erwacht ich wieder Vom Schlaf und rieb mir die Augenlider, Stand auf und lief in aller Frühe Und sucht das Bild mit großer Mühe. Ich fand es; aber, daß Gott erbarm! Dem Bilde fehlte der rechte Arm: Es zeigte nicht mehr! Ich wußte nicht wo Ich graben sollte und – ließ es so! – – Ach, sprach Mutter Hanne, das sind ja nur Träume, Und Träume sind Schäume! Ich glaube wenig an solche Zwerge; Auch sitzt die Gans nicht im Peterberge: Sie sitzt bei Mansfeld versteckt vor der Sonne Und dicht dabei das Bild von einer Nonne. Wo das hin sieht, wird die Gans gefunden. Doch sind dem Bilde die Augen verbunden, Und keiner merkts wohin es blickt. Das macht die Leute dort bald verrückt. Die Binde von Stein läßt sich nicht schieben; So ist das Finden noch unterblieben. – – Da sprach Frau Camilla: Was Nonnengesicht! Die Gans sitzt auch in Mansfeld nicht: In Farnstedt hat sie gesessen einmal, Im Nonnenkloster am wüsten Saal: Da fand sie ein frommer Jesuit, Der fing sie sich ein und nahm sie mit. Es war ein Mensch von Sünden rein, Was wir dermalen all nicht sein! – – Nun, sprach Frau Drucksen, ich will nicht streiten, Daß da eine Gans saß vor alten Zeiten: Dann aber ließ eine neue sich wieder Um die Kapelle bei Landsberg nieder. Da sitzt sie noch auf goldnen Eiern, Wie alle Leute dort beteuern. – – Jetzt räusperte sich Frau Mucksen und spricht: O liebe Frau Drucksen, da sitzt sie nicht! Nach Gibichenstein da führt ein Gang, Der Gang ist finster und schmählich lang: Da sitzt sie, aber hinten am Ende! Und ist keine Gans nicht, es ist eine Ente. Das sagen in Halle alle Leute; Ich selber weiß es ja noch wie heute. Es gingen drei Weiber von Halloren In dem langen Gange beinah verloren. Die wollten sie suchen mit einem Lichte, Allein das bliesen aus die Wichte, Sie aber tappten im Dunkel nach Hause Und dankten Gott in der Moritz-Klause Für die Erlösung aus Angst und Bangen: Man sieht noch ihre drei Jacken hangen. – – Da schluckte Frau Luxen hinab ihre Semmel Und sprach und rückte mit dem Schemmel: Frau Mucksen hat wohl recht mit der Ente Und sagts so richtig, als ichs nur könnte; Doch das mit den Jacken sind nur Mären, Womit die Halloren die Weiber scheeren. Auch sitzt die Ente nicht in dem Gange, Die sitzt wo anders, wer weiß wie lange! – – Und wo denn wohl? – Sie sitzt gemach Bei Eisleben, zu Sittichenbach, Unter dem Deichtenn, im faulen Stocke, Und brütet auf einem ganzen Schocke Und, kriecht keins aus, so legt sie in Ruh Immer wieder ein neues hinzu. – – Das ärgert endlich Frau Sibille, Sie schwieg ohnedem zu lange stille: Frau Luxen, bei meinem Haubenstocke, Ihr übertreibts mit eurem Schocke! Der Eier sind dreizehn, nicht mehr, nicht minder, Wollt ihrs nicht glauben, so fragt die Kinder. Und die Ente sitzt, das wissen hier alle, Und schnattert im Gutenberg bei Halle. – Nun, wißt ihr die Örter, Frau Gevattern, Wo solche goldne Enten schnattern, Warum wollt ihr die Eier nicht ergattern? – Es war schon lange Zeit mein Wille, Entgegnete Frau Murksen Frau Sibille, Allein mir fehlts an einem Zwerge, Der mir wie euch Anweisung gäb im Berge.
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Interpretation
Das Gedicht "Altweibergespräch" von August Kopisch handelt von einem Gespräch zwischen mehreren Frauen, die sich über eine goldene Gans oder Ente unterhalten, die angeblich an verschiedenen Orten zu finden sein soll. Die Frauen erzählen sich gegenseitig Geschichten und Träume über den Verbleib des Tieres und seiner Eier. Die Interpretation des Gedichts könnte lauten: Die Frauen im Gedicht führen ein typisches "Altweibergespräch", in dem sie über Gerüchte, Träume und Geschichten sprechen, die sich um einen Schatz oder ein wertvolles Objekt drehen. Das Gedicht spielt mit der Idee von Sagen und Legenden, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und sich dabei ständig verändern und ausweiten. Die verschiedenen Orte, an denen die Gans oder Ente angeblich zu finden sein soll, könnten als Metapher für die Unerreichbarkeit des Schatzes oder des Glücks dienen. Die Frauen träumen von Reichtum und Wohlstand, aber keiner von ihnen unternimmt tatsächlich etwas, um den Schatz zu finden. Stattdessen verlassen sie sich auf Geschichten und Gerüchte, die sich im Laufe der Zeit verändern und ausweiten. Das Gedicht könnte auch als Kritik an der Trägheit und Passivität der Menschen interpretiert werden, die lieber von Glück und Reichtum träumen, anstatt selbst aktiv zu werden und ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Die Frauen im Gedicht sind gefangen in ihren Geschichten und Träumen und scheinen unfähig zu sein, die Realität zu erkennen und zu handeln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Die goldene Gans und die Eier symbolisieren Reichtum und Glück, die in der Welt schwer zu finden sind.
- Anspielung
- Die Erwähnung von 'Mansfeld' und 'Peterberge' bezieht sich auf lokale Legenden und Geschichten über versteckte Schätze.
- Hyperbel
- Die Beschreibung der Gans, die auf einem 'ganzen Schocke' Eier brütet, übertreibt die Menge der Eier.
- Ironie
- Die Frauen sprechen über das Finden der goldenen Gans, aber ihre Geschichten sind voller Misserfolge und Absurditäten.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen dem Wunsch nach Reichtum und der Realität der Schwierigkeiten, ihn zu finden, wird durch die Geschichten der Frauen verdeutlicht.
- Metapher
- Die 'goldene Gans' ist eine Metapher für einen seltenen und wertvollen Fund, der Glück und Reichtum bringt.
- Personifikation
- Die Gans wird als sprechend und schnatternd dargestellt, was ihr menschliche Eigenschaften verleiht.
- Symbolik
- Die verschiedenen Orte, an denen die Gans vermutet wird, symbolisieren die verschiedenen Wege und Möglichkeiten, Reichtum zu finden.
- Wiederholung
- Die Phrase 'Ja, ja, Frau Hanne' wird mehrfach verwendet, um die Zustimmung und das fortlaufende Gespräch zu betonen.