Alter

Friedrich Theodor Vischer

unknown

Geschlagen Hat mich das Alter und ich verstehe, Was ich sonst nur obenhin verstand, Wie es gemeint ist, wenn man redet Von müden Greisen. Müde vor allem sind mir die Beine Und nach wenig Morgenbewegung Freu ich mich auf das Mittagsschläfchen. Nicht gelüstet mich’s, mitzueilen, Wenn, von Trompetenschmettern gelockt, Nach des festlichen Aufzugs Schauspiel Neugierselig die Menge strömt, Wenn sie am Felsberg athmend aufklimmt, Wo auf dem Gipfel die Rundsicht winkt. Und der Geist, wie steht es um ihn? Müd ist geworden, müd auch er, Müde der Täuschung. Eine nur, eine noch ist geblieben. Nimmer so lang ich noch Athem hole, Nimmer, nimmer schwinde sie mir, Die hohe Täuschung, der wahrheitsvolle, Heilige Wahn, daß Götter leben!

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Illustration zu Alter

Interpretation

Das Gedicht "Alter" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die physischen und mentalen Auswirkungen des Alterns auf den Sprecher. Der erste Teil des Gedichts fokussiert auf die körperlichen Beschwerden, die mit dem Alter einhergehen. Der Sprecher fühlt sich müde, besonders in den Beinen, und sehnt sich nach Ruhe und Erholung, wie einem Mittagsschläfchen. Er hat keine Lust mehr, an aufregenden Ereignissen oder Ausflügen teilzunehmen, die früher vielleicht interessant für ihn gewesen wären. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich der Sprecher dem Zustand seines Geistes zu. Auch sein Geist ist müde geworden, und er hat die Täuschungen des Lebens satt. Doch es gibt eine Illusion, die er festhalten möchte: den Glauben an die Existenz von Göttern. Diese "hohe Täuschung" wird als "wahrheitsvoller" und "heiliger Wahn" bezeichnet, was darauf hindeutet, dass der Sprecher trotz seiner Müdigkeit und Enttäuschung noch immer an die Existenz höherer Mächte glaubt. Das Gedicht endet mit einem leidenschaftlichen Appell an die Götter, nicht von ihm zu schwinden, solange er noch atmet. Dies zeigt, dass der Glaube an die Götter für den Sprecher eine wichtige Quelle der Hoffnung und des Trostes im Angesicht des Alterns und der damit verbundenen Müdigkeit und Enttäuschung ist.

Schlüsselwörter

nimmer müde müd täuschung geschlagen alter verstehe sonst

Wortwolke

Wortwolke zu Alter

Stilmittel

Anapher
Müde vor allem sind mir die Beine Und nach wenig Morgenbewegung Freu ich mich auf das Mittagsschläfchen.
Gegensatz
Nicht gelüstet mich's, mitzueilen, Wenn, von Trompetenschmettern gelockt, Nach des festlichen Aufzugs Schauspiel Neugierselig die Menge strömt
Hyperbel
Nimmer so lang ich noch Athem hole, Nimmer, nimmer schwinde sie mir, Die hohe Täuschung, der wahrheitsvolle, Heilige Wahn, daß Götter leben!
Metapher
Wenn sie am Felsberg athmend aufklimmt, Wo auf dem Gipfel die Rundsicht winkt.
Personifikation
Eine nur, eine noch ist geblieben.
Wiederholung
Müde vor allem sind mir die Beine Und nach wenig Morgenbewegung Freu ich mich auf das Mittagsschläfchen. Nicht gelüstet mich's, mitzueilen, Wenn, von Trompetenschmettern gelockt, Nach des festlichen Aufzugs Schauspiel Neugierselig die Menge strömt, Wenn sie am Felsberg athmend aufklimmt, Wo auf dem Gipfel die Rundsicht winkt.