Alter und Jugend

Robert Eduard Prutz

1816

Ihr könnt nicht uns verstehen Und wir nicht euren Rat: Wohlan, so laßt uns gehen Ein jeder seinen Pfad. Ihr legt die Stirn in Falten, Ihr nennt euch selbst die Alten, Die Nüchternen, die Kalten: Und wir sind jung und wir sind frisch Und wir sind rasch und wir sind risch, Das kann nicht Friede halten.

Wir wollen euch nicht zürnen, Ade, ihr alten Herrn! Vor euren kahlen Stirnen Beugt unser Knie sich gern. Doch sagt, vor unsern Locken, Vor unsers Flaumes Flocken, Warum steht ihr erschrocken? Auch euer Haupt war einmal braun, Auch euer Auge konnte taun; Nun aber ist es trocken.

Ihr habt ihn längst verloren, Den Blick für unsre Welt, Euch dünkt ein Spott der Toren, Was uns die Seele schwellt. Ihr mögt nur immer sagen, Kopfschütteln nur und fragen, Bedauern und beklagen: Uns packt es an und reißt es fort, Nun sind wir hier, nun sind wir dort, Wir wollen einmal wagen.

Lebt wohl! - Zum letzten Male Kreuzt unsre Bahn sich hier: Ihr geht gemach im Tale, Auf Klippen wandern wir. Ruht aus in Abendgluten, Beim Murmeln kühler Fluten, Wie eure Väter ruhten: Denkt nie, daß ihr einst selber so Wart jugendfrisch und jugendfroh -! Das Herz müßt euch ja bluten.

Du aber, Reich der Jugend, Steig auf, du ewig jung, Du Göttereich der Tugend Und der Begeisterung! Und sollten wir verderben, Wir wollen für dich werben, Die Zukunft soll dich erben! Das Alter mag im Lehnstuhl ruhn: Doch will Gott uns was Gutes tun, So laß er jung uns sterben!

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Illustration zu Alter und Jugend

Interpretation

Das Gedicht "Alter und Jugend" von Robert Eduard Prutz thematisiert den Konflikt und die Unverständigkeit zwischen den Generationen. Die Jugendlichen fühlen sich von den Alten unverstanden und umgekehrt. Sie betonen ihre Unterschiede in Bezug auf Temperament und Lebensweise, wobei die Jugendlichen als lebhaft, schnell und risikobereit dargestellt werden, was im Gegensatz zum ruhigen und besonnenen Alter steht. Die Jugendlichen zeigen Respekt vor dem Alter, betonen aber auch ihre eigene Vitalität und ihren Wunsch nach Abenteuer und Veränderung. Sie kritisieren, dass die Alten den Blick für die Welt der Jugend verloren haben und ihre Begeisterung als töricht abtun. Die Jugendlichen sind entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen und neue Erfahrungen zu machen, ungeachtet der Skepsis der Älteren. Das Gedicht endet mit einem Appell an die Jugend, sich für ihre Ideale und Werte einzusetzen, auch wenn sie dabei scheitern sollten. Die Jugendlichen wünschen sich, im Geiste der Jugend zu sterben, anstatt im Alter in Ruhe zu verharren. Sie hoffen, dass die Zukunft ihr Erbe antreten wird und dass Gott sie jung sterben lässt, was als Wunsch nach einem erfüllten und leidenschaftlichen Leben interpretiert werden kann.

Schlüsselwörter

jung wollen alten einmal unsre könnt verstehen rat

Wortwolke

Wortwolke zu Alter und Jugend

Stilmittel

Alliteration
Nüchternen, die Kalten
Anapher
Ade, ihr alten Herrn! / Vor euren kahlen Stirnen / Beugt unser Knie sich gern.
Bildsprache
Ruht aus in Abendgluten, / Beim Murmeln kühler Fluten
Chiasmus
Ihr geht gemach im Tale, / Auf Klippen wandern wir
Hyperbel
Das Herz müßt euch ja bluten
Kontrast
Und wir sind jung und wir sind frisch / Und wir sind rasch und wir sind risch
Metapher
Das Alter mag im Lehnstuhl ruhn
Personifikation
Du aber, Reich der Jugend
Symbolik
Reich der Jugend
Wiederholung
Wir wollen einmal wagen