Alte Schrift
1825Jüngst verlockt′ es mich im Abendglimmen, Zum Lombardenturm emporzuklimmen, Dem verschollnen Herrscher hier im Gaue, Der die Ferne noch beherrscht, die blaue.
In den Mauern bin ich lang geblieben: Alte Namen standen rings geschrieben Hoch im Raume, wo die Luken schimmern, Doch die Wendeltreppe lag in Trümmern.
Die den Blick ins Weite dort gerichtet, Ihre Wanderstäbe sind vernichtet, Ihre leichten Mäntel sind verstoben, Ihre Sprüche blieben aufgehoben.
Einer dichtet Anno fünfzehnhundert: “Gott hab ich in der Natur bewundert!, “Gaudeamus!” gräbt ein flotter Zecher Um den keck entworfnen Riesenbecher.
Dort ein Herz von einem Pfeil durchschnitten: “Hedewig” steht auf des Bolzes Mitten; Dicht daneben schrieb ein Fahrtgenosse Gut lateinisch eine derbe Posse -
Dann in des Kastelles tiefem Schatten Warfen sich die Schüler auf die Matten, Leerten einen Humpen und von dannen Pilgerten sie singend durch die Tannen.
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Interpretation
Das Gedicht "Alte Schrift" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von einer Reise zum Lombardenturm, einem Symbol der Vergangenheit und des Verfalls. Der Erzähler wird von dem Abendlicht verführt, den Turm zu erklimmen, der einst einem vergessenen Herrscher gehörte. Die Beschreibung der alten Namen, die in den Mauern geschrieben stehen, und der zerstörten Wendeltreppe vermittelt ein Gefühl von Vergänglichkeit und dem Verfall der Zeit. Die Schüler, die einst den Turm besuchten, sind verschwunden, doch ihre Spuren bleiben in Form von Inschriften und Sprüchen erhalten. Die Inschriften an den Mauern des Turms erzählen von den Erfahrungen und Gedanken der ehemaligen Besucher. Ein Schüler bewundert die Natur und preist Gott, während ein anderer mit einem "Gaudeamus" seine Lebensfreude zum Ausdruck bringt. Ein Herz, durchbohrt von einem Pfeil, trägt den Namen "Hedewig", was auf eine vergangene Liebe hindeutet. Ein weiterer Schüler hinterlässt eine derbe Posse in lateinischer Sprache, was auf den Humor und die Leichtigkeit der damaligen Zeit schließen lässt. Die letzte Strophe des Gedichts beschreibt, wie die Schüler im Schatten des Turms auf den Matten ruhten, einen Humpen leerten und dann singend durch die Tannen pilgerten. Diese Szene vermittelt ein Gefühl von Gemeinschaft, Freude und Freiheit, das im Kontrast zum Verfall des Turms steht. Das Gedicht reflektiert über die Vergänglichkeit der Zeit, die Spuren, die Menschen hinterlassen, und die Erinnerungen, die in der Natur und in alten Gebäuden bewahrt bleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Lombardenturm emporzuklimmen
- Bildsprache
- Warfen sich die Schüler auf die Matten, Leerten einen Humpen und von dannen Pilgerten sie singend durch die Tannen
- Enjambement
- Jüngst verlockt′ es mich im Abendglimmen, Zum Lombardenturm emporzuklimmen
- Hyperbel
- Gut lateinisch eine derbe Posse
- Kontrast
- Doch die Wendeltreppe lag in Trümmern
- Metapher
- Die Wendeltreppe lag in Trümmern
- Personifikation
- Der verschollne Herrscher beherrscht die Ferne, die blaue.
- Symbolik
- Alte Namen standen rings geschrieben