Alte Geschichten!

Anastasius Grün

1876

In dem Bürgerzeughaus blinkt es von Gewehren mannigfalt, Waffen aller Zeiten glänzen, wie Annalen der Gewalt; Stahl an Stahl rings an den Wänden: seltener Tapetenschmuck! Erz auf Erz an Säul’ und Decke: wohl ein sondrer ehrner Stuck!

Manch ein blanker Heldenpanzer, manch ein fürstliches Gewand: Oede Häuser, deren Eigner ausgewandert aus dem Land! Manch ein rostend Schwert der Tapfern, manch ein schlankgereckter Speer: Ruder ohne Steuermänner in des Krieges blut’gem Meer!

Bünde von Musketenläufen sind zu Säulen blank gedreht: Wehe, wenn des Staats Gebäude nur auf solchen Säulen steht! Bajonnet und Säbel formen schwebend dort den Kaiseraar. Sei nur hier allein von Eisen, hoher Adler, immerdar!

Wenn im Streit der Fürstenrechte Waffen sind der letzte Grund Und ihr Codex Kriegestrommeln, Rechtsfreund der Kanonenschlund, Schwerter ihre Syllogismen, ihr Beweis das Bajonnet, O dann wohnt in diesen Sälen eine ganze Fakultät! –

Horch, vom glatten Marmorpflaster hallt schaulust’ger Fremder Tritt! Sieh das zungenfert’ge Männlein, schreitend stolz als Herold mit, Jedem Panzer sein Geschichtchen, jedem hohen Haupt ein Kleid, Schlachten jedem Helm und Banner, Helden jedem Schwert bereit!

Dort die Nische zeigt ein Kästlein, abenteuerlich geschmückt, Draus, von seinem Rumpf geschieden, hohlen Augs ein Schädel blickt, Eine rothe Schnur daneben, kündend blutiges Gericht! Jetzt erfaßt den Kopf das Männlein, hebt ihn hoch empor und spricht:

»Wien, erkennst du diesen Schädel, dem du schaudernd einst gebebt, Als er Wohnung noch des Geistes, der vernichtet und begräbt? Kara Mustapha, der Wessir, sank er in Vergessenheit? Wohl sind’s an zweihundert Jahre, wahrlich schon geraume Zeit!

Denkst du’s nicht, wie er zerrieben deines Bollwerks treu Gestein, Wie er’s schwur, zu weichen nimmer, bis er zög’ in dich hinein? Und sein Eid, er fand Erfüllung! Doch des Schicksals Spott ist schwer: Seht, wie er hereingekommen! – Es ist deß schon lange her.

Türken rings im Feld gelagert: arge Schnitter unsrer Saat, Türken rings in Rebenhügeln: karge Winzer, in der That! Gottlob, daß wir jenes Kornes, jenes Weins nicht warten mehr! Schmal ging’s da um Trank und Speise! – Ei, das ist schon lange her!

Wien, o Wien, du bist verloren! Weh’ dir, tapfre Heldenschaar! Stark wohl war im Wald der Eichbaum, doch der Sturm noch stärker war! Fest stand der gewalt’ge Felsen, doch gewalt’ger war das Meer! Wien, o Wien, du bist verloren! – Doch das ist schon lange her.

Sieh, da steigt ein Stern zur Höhe: – die Signal-Rakete kracht! – Wird zum lohen Flammenschwerte, fegend rings der Heiden Macht, Wird zum Regenbogen, kündend heitren Himmels Wiederkehr! Wien, o Wien, du bist gerettet! – Dessen ist’s wohl lange her.

Von den Bergen rauscht und blinkt es, Quellen gleich im Sonnenstrahl, Traun, ein Katarakt von Helden, stürzend auf den Feind im Thal, Wie ein Samum Gottes, jagend ihn als Spreu im Wind umher! Wien, o Wien, du bist gerettet! – Ja, das ist schon lange her!

Und wie hießen sie, die Sieger, so voll hohem Geist und Muth? Polen, glaub’ ich, sind’s gewesen, die für uns verspritzt ihr Blut, Und ein sichrer Sobieski Steuermann im Kampfesmeer! Namen sind gar leicht vergessen, – es ist ja schon lange her!

Als er siegreich eingeritten, ward des Volks zu eng der Raum, Jubel rufend und ihm küssend Hände und des Kleides Saum: Unsrer Kinder Blut, o Polen, sei euch unsres Danks Gewähr! Also Wien ihm dankbar jauchzte, – dessen ist schon lange her!

Drauf der Fürst: Empfangt ein Denkmal dieses Tags aus meiner Hand: Dieses Schwert, das für euch kämpfte, dieß Panier, das für euch stand! Polens Adler, Deutschlands Adler, seid geschieden nimmermehr! – Seht, dort hängt noch Schwert und Banner, es ist deß schon lange her.

Kaiser Leopoldus tafelnd, warm die Hand dem Polen bot: Krone, Reich und Volk gerettet hast du mir aus Kampf und Noth, Daß gedeih’n einst, wachsen, blühen fröhlich mag mein Oesterreich, Stark, den eignen Herd zu schirmen und manch lieben Freund zugleich!

Dir nur dankt es einst mein Enkel, daß sein Arm von Ketten frei, Daß er kein beschorner Sklave, kein beschnittner Heide sei, Daß des alten Gottes Dome noch des Kreuzes Glorie krönt, Daß sein Wappenaar noch steiget, daß noch seine Sprache tönt;

Daß, statt schalen Wassers, würzen solch ein Wein noch darf sein Mahl, Dessen Goldborns voll ich weihend jetzt dir bringe den Pokal: Polen hoch für jetzt und immer! hoch an Freiheit, Macht und Ehr’! – Also sprach der deutsche Kaiser, – dessen ist’s schon lange her.«

Cicero trat von der Bühne, Cicerone aus dem Saal. Ob das Männchen nie getafelt, horchend, an des Kanzlers Mahl? – Sieh, da schüttelt, gleich als wollte etwas ihm nicht recht zu Hirn, Jener gelbe Türkenschädel, voll des Unmuths, seine Stirn;

Gleich als wollt’ es wieder fechten, rasselt Sobieski’s Schwert, Rauschend aus dem rothen Banner fast der weiße Adler fährt, Gleich als wollt’ er glorreich schwingen sich ins Morgenroth hinein, Wie sein Heldenvolk im Kampfe, kraftvoll, muthig und – allein!

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Illustration zu Alte Geschichten!

Interpretation

Das Gedicht "Alte Geschichten!" von Anastasius Grün beschreibt die Ambivalenz von Krieg und Heldentum. Der Dichter präsentiert eine Sammlung von Waffen und Rüstungen in einem Bürgerzeughaus, die als Symbole für vergangene Kriege und Helden dienen. Diese Ausstellung wird als eine Art "Annalen der Gewalt" dargestellt, die sowohl die Tapferkeit als auch die Tragik des Krieges widerspiegelt. Die Waffen und Rüstungen werden als stumme Zeugen der Vergangenheit beschrieben, die Geschichten von verlorenen Helden und gefallenen Herrschern erzählen. Die Interpretation setzt sich fort mit der Vorstellung eines Fremdenführers, der die Besucher durch die Ausstellung führt und ihnen die Geschichten hinter den Ausstellungsstücken erzählt. Der Höhepunkt dieser Führung ist die Erzählung über den Schädel von Kara Mustafa, dem osmanischen Wesir, der Wien belagerte und schließlich besiegt wurde. Der Führer erzählt die Geschichte der Belagerung und der Rettung Wiens durch die polnische Armee unter der Führung von König Sobieski. Diese Erzählung dient als Beispiel für die wechselvolle Geschichte Europas und die Bedeutung von Bündnissen und Heldentum. Das Gedicht schließt mit einer Reflexion über die Vergänglichkeit von Ruhm und die Ironie der Geschichte. Trotz der heldenhaften Taten und der dramatischen Ereignisse, die in der Ausstellung dargestellt sind, sind die Namen und Gesichter der Helden weitgehend vergessen. Das Gedicht endet mit einer symbolischen Wiederauferstehung der Helden in Form der Waffen und Rüstungen, die so tun, als würden sie sich auf einen neuen Kampf vorbereiten. Dies dient als Erinnerung daran, dass die Geschichte sich wiederholen kann und dass die Lektionen der Vergangenheit oft übersehen werden.

Schlüsselwörter

wien lange her manch schwert rings adler jedem

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Stahl an Stahl rings an den Wänden
Anapher
Wien, o Wien, du bist verloren! Weh dir, tapfre Heldenschaar!
Chiasmus
Polens Adler, Deutschlands Adler, seid geschieden nimmermehr!
Hyperbel
Traun, ein Katarakt von Helden
Metapher
wie Annalen der Gewalt
Personifikation
wenn des Krieges blut’gem Meer
Rhetorische Frage
Kara Mustapha, der Wessir, sank er in Vergessenheit?
Vergleich
wie ein Samum Gottes