Als ich ein Zimmer verließ

Margarete Beutler

1876

Du lieber Raum, nun müssen wir uns trennen! Ins Fenster grüßt die schlanke Rosenranke noch einmal wie ein glücklicher Gedanke aus Tagen, die mich ganz ihr eigen nennen.

Du warst die Ruhe! Deine sanften Wände umfingen meines Wesens dunklen Bronnen; von ihnen glitt das Auge kühl versonnen durchs Fenster in das lieblichste Gelände:

Da sprang der Fluss verwegen durch die Stille, da schrieb der Wind den Rhythmus meiner Lieder im weißen Buch des Holderbaumes nieder, und mein war all des Sommers Farbenfülle.

Was werden nun für Menschen nach mir kommen? Sie werden deine Seele nicht verstehen, und kalten Sinnes diese Schönheit sehen, weil ihrem Leben längst der Glanz genommen. –

Ach, dass wir Dichter das nicht halten können, was die Erfüllung unsers Ichs bedeutet! - ein Neues winkt, die Dampferglocke läutet - Du lieber Raum, nun müssen wir uns trennen!

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Illustration zu Als ich ein Zimmer verließ

Interpretation

Das Gedicht "Als ich ein Zimmer verließ" von Margarete Beutler handelt von einem Abschied von einem geliebten Raum, der als Ort der Inspiration und Ruhe beschrieben wird. Der Raum wird als eine Art Zuflucht dargestellt, in der der Dichter seine Kreativität entfalten und die Schönheit der Natur durch das Fenster erleben konnte. Die Rosenranke und die umgebende Landschaft symbolisieren die Verbindung zwischen dem Innenraum und der äußeren Welt, die den Dichter inspiriert hat. Der Raum wird als "Ruhe" bezeichnet, die den Dichter umgab und seine Seele nährte. Die sanften Wände schützten den "dunklen Bronnen" des Dichters, was auf eine tiefe, vielleicht verborgene Quelle der Inspiration hindeutet. Die Natur, die durch das Fenster sichtbar ist, wird als Quelle der Inspiration und Kreativität beschrieben. Der Fluss, der Wind und der Holderbaum sind Symbole für die natürlichen Elemente, die den Dichter inspiriert haben, seine Lieder zu schreiben und die Farben des Sommers zu erleben. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Traurigkeit und des Verlustes, da der Dichter befürchtet, dass zukünftige Bewohner den Raum nicht so schätzen und verstehen werden wie er. Die "Dampferglocke" signalisiert einen Neuanfang oder eine Abreise, was den Abschied noch schmerzlicher macht. Der Dichter bedauert, dass er die Erfüllung und den Glanz, den der Raum für ihn bedeutete, nicht bewahren kann, und muss sich schließlich von diesem besonderen Ort trennen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Du lieber Raum, nun müssen wir uns trennen!
Bildsprache
Da sprang der Fluss verwegen durch die Stille
Kontrast
weil ihrem Leben längst der Glanz genommen
Metapher
umschlangen meines Wesens dunklen Bronnen
Personifikation
Du lieber Raum, nun müssen wir uns trennen!
Symbolik
weißen Buch des Holderbaumes