Als ich ein Kind war

Ernst Moritz Arndt

1769

Als ich ein Kind war, Was sah ich für Farben! Himmlische Schimmer Glänzten im Abendschein, Glänzten im Morgenrot, Und wann der Schlaf sanft Einwiegte die Äuglein, Gingen nicht Sonnen und Sterne Dem träumenden Seelchen Auf? Götterlichter, Ach! der himmlischen Heimat Selige Spiegel?

Als ich ein Kind war, Was fand ich für Blumen! Nicht bloß die blauen Lieblichen Veilchen, Nicht dich, rote Rose, Blumenkönigin allein, Nicht euch, ihr schneeweißen Unschuldskinder, Lilien, allein - Ach! noch zehntausend Andere und andere Schöner und duftender Blühten da auch hier unten. Wo sind sie blieben?

Als ich ein Kind war, Was hatt’ ich für Gespielen! War nie allein Einsam im grünen Wald, Einsam im Felde. Wer warst du, bunte Blume? Wer du, kleines Bäumchen? Und du, in den Zweigen Singendes Vöglein? Waret ihr nicht Engel Freundliche Engel Gottes, Mitfühlend, mitspielend? Ach! du, die so schön war, Junge lebendige Welt, Wo gingst du hin?

Als ich ein Kind war, Was hatt’ ich für Träume! Kann ich es nennen, Was Namen nicht hat? Kann ich euch zeigen, Unvergängliche Bilder Himmlischer Schönheit? O meine Sehnsucht Kennet euch noch und die nimmer Rastende Liebe.

Himmlischer Vater, Du, der uns alle Seine Kinder nennet, Dessen Geisteratems Gebilde wir sind, O mache mich wieder Wie ein unschuldiges Kind! Ach! nur ein Lallen, Ein leises Stammeln Jener Gefühle! Jener Kinderspiele! Nur einen Schimmer Jener Gestalten! Einen Ton jener Klänge! O warum blieb ich Nicht ewig ein Kind?

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Illustration zu Als ich ein Kind war

Interpretation

Das Gedicht "Als ich ein Kind war" von Ernst Moritz Arndt handelt von der Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld und der Schönheit der Kindheit. Der Sprecher blickt zurück auf seine Kindheit und erinnert sich an die leuchtenden Farben, die duftenden Blumen, die spielenden Tiere und die wunderbaren Träume, die ihm damals begegneten. Er vergleicht diese Erlebnisse mit himmlischen Lichtern, göttlichen Boten und unvergänglichen Bildern himmlischer Schönheit. Er fragt sich, wo diese Schätze geblieben sind und warum er nicht ewig ein Kind bleiben konnte. Das Gedicht ist in fünf Strophen gegliedert, die jeweils mit der Zeile "Als ich ein Kind war" beginnen. Die Strophen sind durch eine rhetorische Frage verbunden, die den Verlust der kindlichen Welt ausdrückt. Die Sprache ist einfach und bildhaft, mit vielen Vergleichen und Metaphern. Der Sprecher verwendet eine apostrophische Anrede an den himmlischen Vater, um seine Bitte um eine Rückkehr zur Kindheit zu unterstreichen. Das Gedicht ist ein Beispiel für die romantische Dichtung, die sich mit der Sehnsucht nach einer verlorenen Einheit mit der Natur und dem Göttlichen beschäftigt. Das Gedicht hat eine tiefere Bedeutung, die über die persönliche Erinnerung des Sprechers hinausgeht. Es ist eine Kritik an der modernen Zivilisation, die den Menschen von seiner natürlichen und spirituellen Herkunft entfremdet hat. Der Sprecher sehnt sich danach, die kindliche Fähigkeit zur Wahrnehmung und zum Staunen wiederzuerlangen, die ihm ermöglicht, die Schönheit und den Sinn des Lebens zu erkennen. Er wendet sich an Gott, den Schöpfer aller Dinge, um ihm zu helfen, seine Unschuld und Reinheit wiederzufinden. Das Gedicht ist eine Aufforderung an den Leser, sich ebenfalls auf die Suche nach der verlorenen Kindheit zu begeben und die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Apostrophe
Himmlischer Vater
Frage
Und du, in den Zweigen Singendes Vöglein?
Hyperbel
Und wann der Schlaf sanft Einwiegte die Äuglein, Gingen nicht Sonnen und Sterne Dem träumenden Seelchen Auf?
Metapher
Dessen Geisteratems Gebilde wir sind
Personifikation
Wer warst du, bunte Blume?
Rhetorische Frage
O warum blieb ich Nicht ewig ein Kind?
Wunsch
O mache mich wieder Wie ein unschuldiges Kind!