Als hohe in sich selbst verwandte Mächte...

Clemens Brentano

1818

Als hohe in sich selbst verwandte Mächte In heilger Ordnung bildend sich gereiht, Entzündete im wechslenden Geschlechte Die Liebe lebende Beweglichkeit, Und ward im Beten tiefgeheimer Nächte, Dem Menschen jene Fremde eingeweiht, Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren, Hast du gleich früh den Wanderstab verloren.

Die Töne ziehn dich hin, in sanften Wellen, Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Kristall, Sirenen buhlen mit der Fahrt Gesellen, Aus Bergestiefen grüßt sie das Metall, Der Donner betet, ihre Segel schwellen, Aus Ferne rufet ernste Widerhall; Die Wimpeln wehn in bunten Melodien, O wolltest du mit in die Fremde ziehen.

Die Farben spannen Netze aus, und winken Dir mit des Aufgangs lebenstrunknem Blick, In ihren Strahlen Brüderschaft zu trinken. Am Berge weilen sie, und sehn zurück - Willst du nicht auch zur Heimat niedersinken? Denn von den Sternen dämmert dein Geschick, Die fremde Heimat, spricht es, zu ergründen, Sollst du des Lichtes Söhnen dich verbünden,

Auch magst du leicht das Vaterland erringen, Hast du der Felsen hartes Herz besiegt, Der Marmor wird in süßem Schmerz erklingen, Der tot und stumm in deinem Wege liegt: Wenn deine Arme glühend ihn umschlingen, Daß er sich deinem Bilde liebend schmiegt; Dann führt dich gern zu jenen fremden Landen, Dein Gott, du selbst, aus ihm und dir erstanden.

Dich schreckt so stiller Gang, so schwer Bemühen, Du sehnest dich in alle Liebe hin, Des Marmors kalte Lippe will nicht glühen, Die Farbe spottet deiner Hände Sinn, Die Töne singen Liebe dir und fliehen, Gewinnst du nicht, so werde selbst Gewinn, Entwickle dich in Form, und Licht, und Tönen, So wird der Heimat Bürgerkranz dich krönen.

O freier Geist, du unerfaßlich Leben, Gesang der Farbe, Formen-Harmonie, Gestalt des Tons, du hell lebendig Weben, In Nacht und Tod, in Stummheit Melodie, In meines Busens Saiten tonlos Beben, Ersteh′ in meiner Seele Poesie: Laß mich in ihrer Göttin Wort sie grüßen, Daß sich der Heimat Tore mir erschließen.

Ein guter Bürger will ich Freiheit singen, Der Liebe Freiheit, die in Fremde rang, Will In der Schönheit Grenzen Kränze schlingen, Um meinen Ruf, des Lebens tiefsten Klang, Mir eignen, ihn mit Lied und Lieb erringen, Bis brautlich ganz in Wonne mein Gesang, Gelöst in Lust und Schmerz das Widerstreben, Und eigner Schöpfung Leben niederschweben.

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Illustration zu Als hohe in sich selbst verwandte Mächte...

Interpretation

Das Gedicht "Als hohe in sich selbst verwandte Mächte" von Clemens Brentano thematisiert die Sehnsucht des Künstlers nach einer höheren, idealen Heimat. Der Dichter beschreibt, wie sich in der Natur und im Kosmos Ordnung und Schönheit manifestieren, die den Menschen eine tiefe Sehnsucht nach dem Unbekannten und Fremden in sich tragen. Diese Sehnsucht wird als ein stilles Heimweh beschrieben, das den Menschen von Geburt an begleitet. Brentano verwendet dabei verschiedene Metaphern und Symbole, um die verschiedenen Künste und ihre Wirkung auf den Menschen darzustellen. Die Töne ziehen den Menschen in ihren Bann und lassen ihn von Sirenen und fernen Rufen träumen. Die Farben spannen Netze aus und winken mit lebenstrunknem Blick. Sowohl Töne als auch Farben werden als Mittel beschrieben, durch die der Mensch eine Verbindung zu einer höheren Wirklichkeit herstellen kann. Im letzten Teil des Gedichts wird der Künstler selbst zum Schöpfer, der durch seine Kunst versucht, die idealen Formen und Harmonien zu verwirklichen. Der Dichter ruft den "freien Geist" auf, in seiner Seele zur Poesie zu erwachen und so die Tore zur Heimat zu öffnen. Das Gedicht endet mit dem Wunsch des Künstlers, durch seine Werke die Freiheit und Liebe zu preisen und so zur vollkommenen Einheit mit der Schöpfung zu gelangen.

Schlüsselwörter

liebe fremde heimat selbst will hast töne hin

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Stilmittel

Metapher
eigner Schöpfung Leben
Personifikation
Töne singen Liebe dir und fliehen
Vergleich
Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Kristall