Als der Sohn unsers Kronprinzen...

Matthias Claudius

1797

Mit den vielen andern, Groß und Kleinen, Klag’ ich schmerzlich Deinen Tod; Will bei Deinem Sarge satt mich weinen Und die Augen rot.

Nicht: daß Du Dich nicht, nach Herzensgnüge, An die holde Mutter schmiegst, Und daß Du, statt freundlich in der Wiege, Tot im Sarge liegst, –

Hier ist Vorplatz nur, spät oder frühe Gehn wir alle weiter ein, Und es lohnt sich wahrlich nicht der Mühe Lange hier zu sein,

Nicht: daß Du des Vaters Glanz hienieden Und sein Königreich nicht sahst, Und daß Du die Krone, Dir beschieden, Nicht getragen hast; –

Ach, die Kronen sind nicht ohne Bürden, Sind nicht ohn Gefahren, Kind! Und es gibt für Menschenkinder Würden, Die noch größer sind;

Sondern: daß wir hier ein Land bewohnen, Wo der Rost das Eisen frißt, Wo durchhin, um Hütten wie um Thronen, Alles brechlich ist;

Wo wir hin aufs Ungewisse wandeln, Und in Nacht und Nebel gehn, Nur nach Wahn und Schein und Täuschung handeln, Und das Licht nicht sehn;

Wo im Dunkeln wir uns freun und weinen, Und rund um uns, rund umher, Alles, alles, mag es noch so scheinen, Eitel ist und leer.

O du Land des Wesens und der Wahrheit, Unvergänglich für und für! Mich verlangt nach dir und deiner Klarheit; Mich verlangt nach dir.

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Illustration zu Als der Sohn unsers Kronprinzen...

Interpretation

Das Gedicht "Als der Sohn unsers Kronprinzen..." von Matthias Claudius ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Tod und der Vergänglichkeit des Lebens. Der Autor beginnt mit dem Ausdruck seines Schmerzes über den Tod des Kronprinzen und seiner Trauer bei der Beerdigung. Doch bald wird klar, dass der Tod des Kindes nicht der eigentliche Anlass für das Gedicht ist, sondern vielmehr ein Anlass, über die Vergänglichkeit und die Unsicherheit des Lebens nachzudenken. Claudius beschreibt das Leben als einen Ort, an dem alles vergänglich ist und wo wir im Dunkeln wandeln, ohne das Licht zu sehen. Er betont, dass selbst die höchsten Würden und Kronen nicht ohne Bürden und Gefahren sind. Stattdessen gibt es für Menschenkinder Würden, die noch größer sind. Der Dichter verweist auf ein Land der Wahrheit und der Klarheit, das unvergänglich ist und nach dem er sich sehnt. Dieses Land steht symbolisch für eine höhere Wirklichkeit oder eine spirituelle Dimension, die jenseits der vergänglichen Welt liegt. Insgesamt ist das Gedicht eine Reflexion über die Vergänglichkeit des Lebens und die Suche nach einer höheren Wahrheit und einem ewigen Sein. Es ermutigt den Leser, über die Oberfläche des Lebens hinauszublicken und sich nach etwas Größerem und Beständigerem zu sehnen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Wo wir hin aufs Ungewisse wandeln, Und in Nacht und Nebel gehn
Anapher
Mit den vielen andern, Groß und Kleinen, Klage ich schmerzlich Deinen Tod; Will bei Deinem Sarge satt mich weinen Und die Augen rot.
Enjambement
Nicht: daß Du Dich nicht, nach Herzensgnüge, An die holde Mutter schmiegst, Und daß Du, statt freundlich in der Wiege, Tot im Sarge liegst, –
Hyperbel
Mich verlangt nach dir und deiner Klarheit; Mich verlangt nach dir.
Kontrast
Sondern: daß wir hier ein Land bewohnen, Wo der Rost das Eisen frißt, Wo durchhin, um Hütten wie um Thronen, Alles brechlich ist;
Metapher
Und es gibt für Menschenkinder Würden, Die noch größer sind
Personifikation
Wo der Rost das Eisen frißt